Donnerstag, 28. Juli 2016

Bibliophiles - 11

Lesen

Sich auf einen fremden Text einlassen ist die originäre Ausdrucksform einer Tätigkeit, die dem Menschen seit Urgedenken eigen ist oder war?

Im Insel-Almanach auf das Jahr 1909 habe ich einen Beitrag von Hugo von Hofmannsthal über Balzac gefunden, der sich mit dem Lesen beschäftigt. Er schreibt: "...Wo immer sie (in seinen Büchern) aufschlagen, bei einer Abschweifung über Wechselrecht und die Praktiken der Wucherer, bei einem Exkurs über legitimistische oder liberale Gesellschaft, bei der Schilderung eines Kücheninterieurs, einer ehelichen Szene, eines Gesichtes oder einer Spelunke werden sie Welt fühlen, Substanz, die gleiche Substanz, aus der das Um und Auf ihres Lebens gebildet ist. Sie werden unmittelbar aus ihrem Leben in diese Bücher hinüberkönnen, ganz unvermittelt, aus ihren Sorgen und Widerwärtigkeiten heraus, ihren Lieblingsgeschichten und Geldaffären, ihren trivialen Angelegenheiten und Ambitionen."


Dieser Absatz enthält alles, was das Lesen bewirkt und enthüllt - eine imaginäre Substanz, die zu Fantasien befähigt und den geistigen Horizont erweitert. Der Kopf braucht es, will in ihm nicht die Kraft zur Orientierung versiegen.
Ich halte es für gefährlich, sich diesem Tun zu versagen und nur noch der kontrollierten Bildsprache der Medien Glauben und Anleitung zum Alltag zu schenken. Man verlernt das Nachdenken, eine Fähigkeit die Programmierer nur zu gut beherrschen. Ein gutes Buch, auch eines der klassischen Autoren wie Balzac, ist die beste Medizin für einen geruhsamen und unverfänglichen Feierabend.

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