Mittwoch, 13. Juli 2016

Bilanz

Keine verhagelte Bilanz

Nichts bleibt wie es ist, bedeutet wohl die bitterste Erkenntnis, die wir aus dem Verlauf unseres Lebens ziehen. Oder positiv ausgedrückt, Veränderungen sind das einzig Zuverlässige, das sich im Leben ereignet. Unser Auge schaut derweil gleichgültig zu und versenkt derweil Bilder in unser Gedächtnis, deren wir als Einzige zum vergänglichen Lebensgang habhaft werden. Da schaue ich auf die erste Bücherwand, gefertigt von der Hand meines Vaters, die sich langsam mit Beständen füllt, dann ihren Weg über eine nächste Wohnung bis ins eigene Haus nimmt und dabei zunehmend von weiteren Regalen begleitet wird. Auch sie bleiben nicht lange leer und ergeben bald eine stattliche Privatbibliothek. Doch dann kommt der Tag, an dem sie ausgebaut, die Bücher in scheinbar unzählige Kisten verpackt, ihre Reise in ein nächstes und bald darauf weiteres Ziel antreten. Inzwischen sammeln sich Lebensjahre zu einer würdigen Zahl, die den Beginn des letzten Daseinsabschnittes einleitet. Erloschen sind inzwischen die Bemühungen zur Mehrung der Buchbestände, denn am Horizont zeichnen sich Einschränkungen ab, die eine Auswahl der vorhandenen Bücher bedeuten. Und so kommt, was vor Zeiten für einen Bücherliebhaber undenkbar, Bände werden aus dem Katalog ausgetragen und wandern ab über den Postverkehr und andere unsagbare Wege. Es ist ein Abschied in bitteren Raten, weil Niemand ein Interesse an den begleitenden Lebensumständen hat und so erweist die bittere Lebenserfahrung ihre widerliche Bestätigung, dass wir im Grunde genommen allein und ohne Bedeutung sind. In meiner kleinen Geschichte "Abschied" habe ich in veränderter Weise die Umstände verkleidet, deren wir uns eines Tages ergeben müssen. Ein sich Herausschreiben aus dieser Situation ist vielleicht der einzige Weg aus dieser Entäuschung, obgleich manches lieber in der Feder geblieben wäre. Ein rechter und verantwortungsvoller Autor ist derjenige, der manches Buch ungeschrieben ließe, habe ich unlängst in einem alten Bibliophilen-Kalender gelesen. Warum nur tun wir Dinge, die all dem widersprechen. Ich weiß es, aber jeder wird selbst darauf kommen.

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