Sonntag, 11. Februar 2018

Werkstattnotizen - 27

Ein streitbares Heft 19 in der Reihe der Einbogendrucke


Das Phänomen des Ostens – ein Essay

Um von Anbeginn dieses Textes richtigzustellen, welche geografische Region mit dem Titel gemeint ist, sei das folgende Zitat von Alexander Block angeführt:
„Für einen selbst wie auch für andere ist es von Interesse, sich zuweilen an die Geschichte der eigenen Werke zu erinnern. Umso mehr, als wir glücklichsten oder unglücklichsten Kinder unseres Jahrhunderts unser Leben überdeutlich eingeprägt in unserem Gedächtnis tragen. Unsere Jahre waren viel zu unauslöschlich gefärbt, leider, als dass wir sie vergessen könnten.“1
Als die Menschen dieser Region noch nicht vordergründig von einer marktwirtschaftlich geprägten Erwerbskultur geprägt waren, glomm in ihren Seelen noch eine Flamme, in deren Schein sich uneigennütziges Interesse an Kultur widerspiegelte. Die Buchläden zum Beispiel, überschaubar aufgestellt, ließen Neuerscheinungen schnell im eigens dafür hergerichteten Regal erkennen und machten nicht durch bildmächtige Aufmachungen von sich reden, sondern brachten ihren Plot auf eine gedankliche Frequenz, die hinter dem Spannungsbogen noch eine neue Erkenntnis für den Leser bereithielt. Buchhändler/-innen und Kunde waren sich meist über ihre Büchervorlieben vertraut und es kam einem familiären Verhältnis gleich, wenn eine gesuchte Neuerscheinung für den Stammkunden vorgehalten wurde. Vertrauen auf und gegen Vertrauen wurde ein Gemeinsinn im Handel gelebt, in dem nicht der Überfluss das Maß aller Dinge war, sondern der Mensch mit seinen Wünschen und seiner Anerkennung im Vordergrund stand. Gutmütig und geduldig, weil die Zeit in einem Maß verlief, dem Gefühl und Herz noch zu folgen vermochten, konnte man auch mehrere Wochen auf eine Buchlieferung warten. Umso erfreulicher und dankbarer war man dann für den Tag, an dem der lang ersehnte Band endlich in den Besitz gelangte. Eile hatte in dieser Zeit eine andere
1 Alexander Block aus „Vergeltung“


Maßeinheit, die sich die Bürger dieses Landes dann später leider aus den Händen nehmen ließen und sie gegen einen Algorithmus eintauschten, der ihrem Leben eine ungewollte Beschleunigung verhieß.
Nun nach Jahren zu ihrer Zufriedenheit befragt, einem marktwirtschaftlichen Instrument zur Datenermittlung mit optimierenden Hintergrund, macht sich Verwunderung breit, dass die so zutiefst herbeigesehnte große Freiheit nicht das Maß aller Dinge und Demokratiegestaltung von Politikern mit viel Eigennutz behaftet ist, Ängste und Gefährdungen aus der Zuwanderung Fremder in die Gedankenwelt der Bürger Einzug halten und die Zweiklassengesellschaft von mehr als der Hälfte der Bevölkerung im Lande gelebt werden muss. Die Kultur erhält bei solch einer Umfrage schon überhaupt keinen Stellenwert mehr.
Und noch einmal, als die Menschen dieser Region noch nicht vordergründig von einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Erwerbskultur geprägt waren, besaß Zufriedenheit eine andere Wertigkeit in der Bedeutung ihres Wortsinnes. Nahe gelegen an der Tugend Bescheidenheit und unterstützt von Zweckmäßigkeit, bildete sich dieses Lebensmerkmal zu einer Einstellung der Menschen, die sich aus Genügsamkeit, Bescheidenheit und ehrlichem Frohsinn speiste, dem Ängste fremd waren. Dass die damalige Demokratie keine war, kam einem Frevel gleich, der Betrug am Menschen zum System machte. Solcherart Politik kann auch im Nachhinein nicht gutgeheißen werden.
Der Titel, um den es mir mit diesem Essay zu tun ist, dem Phänomen des Ostens nachzuspüren, trägt sich aus diesen begonnenen Gedanken, dass den Bürgern der Neuen Bundesländer ein gelebter Gemeinsinn und eine Gutmütigkeit innewohnt, die die Marktwirtschaft von Anbeginn ihrer gesellschaftlichen Prägung auf dieses Zuzugsgebiet für ihre Zwecke der Gewinnoptimierung ausnutzte. Wie anders ist es zu erklären, dass nach 28 Jahren noch immer mit unterschiedlichem finanziellen Maß zwischen Ost und West bei
der Beschäftigungsentlohnung der Menschen gemessen wird. Wie kann bei solch einer Konstellation Zufriedenheit erwartet werden, wenn bei der Bewertung der Menschen bei gleicher Leistungsvollbringung schamlos auf deren Abhängigkeit spekuliert wird.
Aber kommen wir auf den Buchhandel zurück, denn er eignet sich wie kein zweites Beispiel für diese Geschichte. Viele kleine Buchläden und Antiquariate prägten damals vor 28 Jahren die Leselandschaft und ihre Inhaber verkauften mit Leib und Seele, was sie zuvor meist auch selbst gelesen hatten. Empfehlungen waren deshalb wie ein Bindeglied zwischen Leser und Verkäufer und nicht von einer Bestsellerliste vorgegeben, deren Zustandekommen unbekannter Herkunft und damit unpersönlich ist. In der Fülle und im Überfluss der Angebote, bestehend aus zahlreichen Ratgebern, Erfahrungsberichten, Schmökern über die Liebe oder Geschichten, Horror- bzw. mysteriöse Geschichten, Krimanalromanen ohne Zahl und Ende, um nur einen winzigen Teil der Buchlandschaft zu bezeichnen, wird jedes Signal unterdrückt, dass einem besonderen Buch innewohnt. Beim damaligen Buchhändler des Vertrauens fand sich die Suche nach einem Buch gut aufgehoben und es fehlten all die Randglossen von Bestseller, Prominenz, Kultautor oder Werbeauftritten, hinter oder unter denen sich ein Verkaufszweck organisiert. So wird Zufriedenheit demonstrativ gemacht, die in ihrem heutigen Wortsinn aus Verkaufszahlen besteht und nicht das reale Befinden der Menschen dieses Landes widerspiegelt. Was Wunder, wenn Zufriedenheit dann eine unerwünschte Vorsilbe erhält. Und setzt man die globale Betrachtungsweise an, kommt in dieser gegenwärtigen Umfrage ein Allgemeinbefinden der Befragten zum Ausdruck, das mehr verrät, als dem Zweck dienlich ist.
Treten wir nun zum Resümee an, bei dem Jammern, wie den ostdeutschen Bürgern vielmals unterstellt wird, ausdrücklich als Wort untersagt ist, denn es geht mir um das Phänomen der ostdeutschen Mentalität, die sich im Verlaufe weltumspannender Abgrenzung im besonderen Maße ausgebildet hat. Ohne eine
umfassenden Studie an dieser Stelle ihren berechtigten Raum einzuräumen, will ich nur das Allgemeine und nicht das Besondere anreißen und es als ein Phänomen herausstellen, das in seiner Ausprägung eine Stimmung erklärt.
Aufgewachsen in weitestgehend behüteten Verhältnissen, die frei von einem Kampf auf dem Arbeitsmarkt waren, hat sich bei diesen Menschen eine Einstellung manifestiert, die man trotz allem als märchenhaft und paradiesisch gefärbt bezeichnen kann. Mangel wurde durch Genügsamkeit, Gemeinschaft oder Organisationstalent ausgeglichen und das scheinbar Unabänderliche ihrer territorialen Eingrenzung als gegeben hingenommen. Wenn auch die Sehnsucht über die Ländergrenzen hinaus bei Vielen vorhanden war, so trug sie doch im Einzelnen einem Behütetsein Rechnung, wie sie Menschen eigen ist, die in einfachen Verhältnissen aufwachsen und in der Heimat fest verwurzelt sind. In all diesen, im letzten Absatz erwähnten, Tugenden kommen Grundfeste der menschlichen Seele zum Ausdruck, die dem Wohlbefinden ein Lager und den Menschen der heutigen Zeit ein Gefühl der Sehnsucht bereiten. So gesehen ist das Phänomen des Ostens ein unter einmaligen Bedingungen erworbenes Lebensgefühl, das möglicherweise Zukunft vorausnimmt.

Einbogendrucke, Heft 19, im Eigenverlag zu Pirna

Harald Kugler, Buchautor aus Pirna

Und hier der Auszug zu einer ersten Lesermeinung:


„Verstehen kann diese Zeilen nur, wer im Osten
lebte und dieses mit allen Stärken und Schwächen
verinnerlicht hat. Und auch von denen wird diese
Zeilen nur der akzeptieren, der nicht verdrängt, der
sein Bestreben, verstehen zu wollen nicht einer
sinnentleerten Hochglanzkunst, nicht dem
Irrationalen und der Verkehrung der menschlicher
Werte in ihr Gegenteil und einem Fetisch (Marx)
geopfert hat, kurz, wer seinen kulturellen
Anspruch nicht zugunsten der Angepasstheit und
des Bequemen aufgegeben hat.“
Abel Doering

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