Montag, 24. September 2018

Werkstattnotizen - 31




23.11.2018

„Ein Werk muss lange Wurzeln haben in meinem Leben, geheime Verbindungen müssen laufen von ihm zu frühsten Kindheitsträumen, wenn ich mir ein Recht darauf zu erkennen, an die Legitimität meines Tuns glauben soll“, sagte Thomas Mann in seinem Vortrag über seinen Roman „Joseph und seine Brüder“ am 17. November 1942 in Washington. Diesen Gedanken nehme auch ich für mich in Anspruch, wenn ich über mein Tagebuchprojekt „Wie einer wird, was er ist“ nachdenke. Wurzeln, die in jungen Jahren im heimatlichen Boden nach Halt für ein Leben suchen, verlassen uns nie, auch wenn sich viel Erde über ihnen anhäuft.
Mein genanntes Buchprojekt ist nunmehr im Druck und kann von Interessierten, die vielleicht nach einer Déjà-vu-Situation suchen über meine Homepage www.harald-kugler.de bestellt werden.


14.11.2018

Und nun schon eine Rezension zum Tagebuch:

Rezension Petra Liermann zum Tagebuch

„Wie einer wird, was er ist“

Warum sind "Wessis" und "Ossis" immer noch verschieden? Wie sind sie zu Zeiten der DDR mit dem politischen System umgegangen und was hat ihr Leben ausgemacht? Aber vor allem: Wie wird aus einem Menschen ein Autor? Was bewegt ihn und was treibt ihn an?
Diese und andere Fragen kann wohl niemand besser beantworten als ein Autor wie Harald Kugler, der bis zur Wende in der DDR gelebt und gewirkt hat und dessen Herzblut dem Schreiben, aber auch den Büchern gehört.
"Wie einer wird, was er ist" ist ein Tagebuch, das sich weniger den Äußerlichkeiten denn den Gedanken eines Menschen widmet, der seine Liebe zu Büchern und den Wunsch nach Veröffentlichung seiner eigenen Werke lebt. Eingebettet in politische Entwicklungen erhält der Leser einen Einblick in die Seele eines Schriftstellers und erlangt so auch ein Verständnis für Gedanken, die geprägt sind vom Leben im sozialistischen System der ehemaligen DDR, wobei dies nicht gleichbedeutend ist mit dessen unkritischer Annahme.
Ein sehr zu empfehlendes Buch, in dem sich nicht nur Autoren wiederfinden werden, sondern das gerade in der heutigen Zeit die Unterschiede erklären kann, die immer noch eine scheinbar unüberwindbare Grenze zwischen Ost und West ziehen.


09.11.2018
Ich habe mich entschlossen, meinem Tagebuch bis 1989 noch einen Anhang mit zwei darauffolgenden Jahren beizufügen. Die Eintragungen sind doch so interessant, dass ich sie nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen will.

004 Freitag – 27.04.1990
Was macht uns den bundesdeutschen Partnern gegenüber so hilflos? Es ist nicht nur das Geld, vielmehr meine ich damit ihre Gewandtheit, ihr Selbstbewusstsein, dass in ihrer Vergangenheit am Weltbewusstsein geschult wurde. Sie kennen die Umstände besser als wir, weil sie sich tagein, tagaus an ihnen messen mussten (durften). Wir dagegen lebten in einem Staat, der seine Bürger gegen den größten Teil der Welt abschottete und ihnen jegliches Bewusstsein für die eigene Verantwortung abnahm. Alles war unter den gegebenen Bedingungen festgelegt, vorausgeplant und der eigenen Verantwortung enthoben. Wir brauchten nur zu folgen und so folgerichtig war dann auch unser Weg. Nun plötzlich das Ende. Wir stehen da und wissen nicht wirklich wohin. Was anfangen mit der plötzlichen persönlichen Freiheit. Haben wir es doch nicht gelernt zu fragen, was will ich aus mir machen und was ist von den vielfältigen Möglichkeiten, die diese Welt bietet, gut für mich. Das eigene Schicksal am Schopfe packen ist so fremd, wie die neue Zeit für uns beinahe unwirklich ist.


02.11.2018

007 Ostersonntag – 03.04.1988
Es kommt selten genug vor, dass man Menschen begegnet, die dass, was wir gemeinhin als Seele bezeichnen, so auszuweiten oder zu berühren vermögen, dass wir Regungen darin verspüren, die bis dahin in einem Winkel von ihr geschlummert haben, den wir bis zu dieser Begegnung noch nie betreten haben. Die Begegnung mit anderen Menschen ist für einen Menschen immer sehr kostbar, es kommt derweil allerdings darauf an, ob wir zu dieser Begegnung auch wirklich bereit und verständnisvoll genug sind. Vielmals sind wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt (Bemerkung am 02.11.2018 – Und die modernen Medien mit ihren Smartphones und I-Pads und Tablets forcieren und verselbstständigen diese Unaufmerksamkeit in einer Form, dass immer weniger Menschen zu Aufmerksamkeiten gegenüber ihrer Umwelt fähig sind. Die digitale Welt scheint dafür gemacht worden zu sein, dass die Menschen ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen und von den eigentlichen Problemen bewusst abgelenkt werden).

28.10.2018

002 Sonnabend – 03.01.1987


Ich bin tief beeindruckt von diesem Filmereignis gestern im Fernsehen gewesen. Ein Film für die Sinne eines Empfindsamen, dem das Gespür nach menschlicher Wärme noch erhalten geblieben ist. Im Grunde genommen bestand der Film aus einer Reihe von Episoden, die in Vergangenheit und Gegenwart verwoben davon erzählten, wie gefühlsarm die Zivilisation geworden ist.


25.10.2018
015 Donnerstag – 24.07.1986
Größte Härte und zarteste Weichheit, grauestes Einerlei und nuancenreiche Farbigkeit: Aus ihrem Zerschmettern entsteht eine neue Welt.
Man muss den Gefühlen nachspüren, doch dann fehlen dem Ungeübten meist die Worte. Das Empfinden vergeht, noch ehe der treffende Ausdruck dafür gefunden ist. Es ist ein Jammer, dass wir unsere Sprache nicht besser verstehen. Dem Menschen bleibt noch viel zu tun. Sollte es dem Menschen gelingen, naturfühlig zu werden, dann erst beginnt sein neues Zeitalter.

23.10.2018
Das Tagebuch wimmelt von Eintragungen über und von Schriftstellern aller Zeitperioden. Bücher sind ein Fundgrube und mein Tagebuch entwickelt sich immer mehr zu einer solchen:
Ernst Bloch sagt bezeichnender Weise:
„… das es bisher noch kein menschliches Leben gegeben hat, sondern nur ein wirtschaftliches, das die Menschen umtrieb und falsch machte, zu Sklaven, aber auch zu Ausbeutern.“ Und weiter dazu: „Auch die Widerspenstigsten nimmt das Kapital auf seine Flügel; einigen scheint dies in der Tat eine Erhebung.“


16.10.2018
Ergänzung zu einer Eintragung vom 14. Januar 1985
Der Proceß
Wir hätten alle den Roman „Der Proceß“ von Franz Kafka aufmerksamer lesen sollen, der dem Leser besagt, dass der Mensch für alles, was er in seinem Leben tut oder unterlassen hat, seine gerechte Strafe erfährt. Allerdings, wenn ich es bedenke, wie ich aus einer Statistik erfahre habe, dass 50 % der Menschen keine Romane lesen, wie sollen sie da erkennen können, wenn sie sich mit ihrem Verhalten schuldig machen und sich lustvoll an der Natur versündigen. Die Natur macht uns aber allen den Prozess und dieser wird in kürzerer Frist verlaufen, als es uns die Erdgeschichte erzählt. Die Saurier habe es ohne ihre Intelligenz auf Millionen Jahre ihres Bestehens gebracht, die Menschheit schafft ihren Untergang mit ihrer Intelligenz in weniger als 20.000 Jahre.
Seit 1978 führe ich regelmäßig Tagebuch und berichte darin auch gelegentlich über das Winterwetter. Seine aufmerksame Betrachtung erlaubt mir einen zur obigen Aussage treffenden Schluss, denn je mehr die Mobilität des Menschen mit seinen Kraftfahrzeugen, Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen zunimmt und mit ihren Abgasen die Luft verpestet, umso weniger Schneereich, kalt und feucht verlaufen die Jahre. Das ist zwar keine gesicherte Erkenntnis, aber der Verlauf der Jahreszeiten offenbart den Prozessbeginn.


27.09.2018

019 Dienstag – 20.07.1982
Ein schöpferischer Prozess ist mit viel Einsamkeit verbunden. Es gibt Stunden, in denen man wie es scheint, sinnlos vor sich hinstarrt, in denen nichts, aber auch nicht das Geringste geschieht, doch innerlich ist der ganze Körper bis zum Zerspringen angestrengt. Der ihm aufgesetzte Geist sucht verzweifelt nach Ideen, verwirft Formulierungen und streitet mit dem Behagen, dass sich mit dem bereits Erdachten zufriedengeben will. Das geschieht alles unter der Haut und niemand, auch nicht der nahestehende Mensch, erfährt von dieser Qual. Nachdenken scheint mir das höchste Glück auf Erden, grübeln, eine Idee verfeinern, schleifen jedes Wort, jede Formulierung, bis der harte Kern übrigbleibt, der meinen Anforderungen, und mögen sie auch auf Grund meiner geringen Schreiberfahrungen noch gering ausfallen, genügt. Letztlich bin ich es selbst, der damit zufrieden sein muss. Das Gefecht mit dem geschriebenen Wort, bei dem nicht immer der Stärkere gewinnt, ist eine Herausforderung für jeden, der sich dem ernsthaften Schreiben widmen will.


26.09.2018
Beinahe jeden Tag bin ich baff über meine damaligen Tagebucheintragungen. Gestern bin ich auf jene Zeit gestoßen, als ich mich mit dem Brief von Dieter Noll an Erich Honecker, zuerst veröffentlicht im Neuen Deutschland, beschäftigt hatte. Der Schriftsteller war mir persönlich bekannt und ich habe ihn mehrmals besucht. Über all das berichtet mein Tagebuch und noch über vieles mehr.


Über viele Jahre habe ich akribisch Tagebuch geführt und mein Befinden analysiert, über den Erwerb und das Lesen von Büchern geschrieben und dem Alltag Begebenheiten abgelauscht. Nun will ich den Versuch wagen, aus diesen Erinnerungen jenen Menschen herauszufinden, der ich damals war und aus dem sich mein Ich entwickelte, dass mir heute aus einem Spiegel, wenn auch mit mehr Falten behaftet, entgegenblickt.
Oft wird in diesen Zeilen von Literatur und literarischen Begegnungen die Rede sein, denn dieses Medium hat mich schon von Kindesbeinen an begleitet. Und ich entsinne mich, dass ich - ähnlich wie seinerzeit der Dichter Hermann Hesse seinen Eltern gegenüber geäußerte hat, ein Dichter werden zu wollen - einen ebensolchen Ausspruch in einer Eisdiele zu meiner Mutter gesagt habe. Literatur ist etwas Großes und Bedeutendes, die mit ihren Texten die Seele weitet, das Herz empfänglich und den Geist lebendig macht. Eine Dreifaltigkeit, die mehr bewirkt als jede Religion.

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