Montag, 17. Dezember 2018

Let’s pretend

(Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte)

Für diese kleine Erzählung möchte ich einen Ausdruck aus dem wunderbaren Buch „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll zur Einführung verwenden, der besagt, ‚tun wir mal so als ob‘. Und um auch noch ein Bild für diesen Ausdruck vor Augen zu führen, wähne ich eine Stelle aus dem Buch von Louis Aragon „Spiegelbilder“ zu verwenden. Er schreibt: „Oder wir werden eine Unterhaltung führen, wie der weiße König mit der weißen Königin – die Schachfiguren, versteht sich-, wenn der König ihr erzählt, welch Entsetzen ihn packte, als er von Daumen und Zeigefinger der unsichtbaren Alice ergriffen wurde: „Ich versichere Ihnen, meine Liebe, ich bin bis in die Spitzen meines Backenbartes erstarrt“. Worauf die Königin entgegnet: „Sie haben ja gar keinen Backenbart.“ – „Nie“, fährt der König fort, „nie werde ich den Schrecken dieses Augenblicks vergessen können.“ – „Das wird dennoch geschehen“, sagte die Königin, „wenn sie das nicht aufzeichnen.“
Aus Kindertagen ist dem Leser bestimmt das Spiel der Heranwachsenden vertraut, wenn sie beide Hände vor ihre Augen halten und damit den Eindruck zu erwecken suchen, sie sind für einen Erwachsenen nun nicht mehr sichtbar. Davon will ich erzählen, von jenem Tun als ob, dass die Wirklichkeit willentlich oder aus Mangel an Kenntnis einfach ausschließt. Es ist in Kinderzeiten ein belustigendes Spiel, aber ohne Fantasie ein todernstes Verfahren. Zu letzterem neigt der Kapitalismus, wenn er sich den Auswirkungen seiner Entwicklung verantwortungsschmähend versagt. So einfach ist das also, zu tun, als ob es immer so weiter geht und wie in Kindertagen durch verdecken der Augen sich der Wirklichkeit zu entziehen. Aber machen wir eine Geschichte daraus.
Der kleine Daniel zählte sieben Jahre, als er eines Tages seine Mutter überraschend fragte: „Wir beten nun regelmäßig jedes Mal vor unseren Mahlzeiten ein Vaterunser, dass er das Essen, was wir zu uns nehmen wollen seligspricht. Ich wollte gerne einmal diesen Mann, der so viel Güte besitzt kennenlernen. Mutter, wo kann ich ihn finden, denn er muss sich ja irgendwo aufhalten, wenn von ihm so oft die Rede ist?“
Erstaunt hörte die Mutter ihren Sohn an und besann sich dann in ihren Gedanken, wie sie ihrem Kinde eine verständige Antwort dazu geben könnte. Liebevoll erwiderte sie den Blick ihres Kindes, aus dessen Augen ihr so viel Vertrauen entgegenleuchtete. Augenblicklich wurde ihr in diesem Moment das Ausmaß dieser Situation bewusst, die für das weitere Leben von Daniel eine schwerwiegende Bedeutung haben konnte. Aber es kam ihr die Erinnerung an ihre eigene Kindheit zu Hilfe, als sie das erste Mal das Umfängliche des menschlichen Glaubens am eigenen Leibe erfuhr. Ihr Vater war seinerzeit schwer erkrankt und ärztliche Hilfe an den Rand ihres Vermögens geraten. Ihr wurde deshalb bedeutet, dass sie fest an die Genesung ihres Vaters glauben sollte, so fest, als ob diese Krankheit überhaupt nicht vorhanden sei. Und zur Hilfe für die Festigkeit ihres Willens war ihr vom Arzt angeraten worden, sich einer Vorstellung von der Kraft ihres Willens in Form eines Wesens hinzugeben, dass man Jesus Christus hieß und der den Menschen als Abbild seiner Person etwas Außerordentliches, was man Demut nannte, bedeutete. Zum Preisen seines auf sich genommenen Leides hatte man ihm weltweit Kirchen errichtet, in denen die Menschen zu ihren Problemen Aufsehen und sich in Ruhe besinnen konnten. Ein Ort der Zurückgezogenheit, wie ihn der Mensch immer dann benötigt, wenn er allein mit sich und seinen Gedanken sein möchte. Und so antwortete die Mutter ihrem Sohn: „Immer wenn wir vor Beginn der Mahlzeiten eine kurze Andacht halten, suchen wir Halt ganz bei uns durch den Glauben an unsere heimische Gemeinsamkeit und konzentrieren für einen Augenblick unsere Gedanken auf die Ruhe, mit der wir unserem Körper die Mahlzeit zuführen wollen. Und zur geistigen Vorstellung dieses Augenblicks nehmen wir Zuflucht zu jenem Jesus Christus, der in diesem Moment unseren Willen verkörpert. Und um es dir einfach zu sagen, wir tun nur so als ob, denn es gibt keinen Ort wo sich jener jetzt leibhaftig aufhält, außer in deinen Gedanken oder zur Lobpreisung seiner demutsvollen Taten in den vielzähligen Kirchen.“
Dreißig Jahre später.
Aus Daniel war inzwischen ein erfolgreicher Unternehmer geworden, der im Automobilbau sein nicht unbeträchtliches Auskommen gefunden hatte und als Entwicklungsingenieur für die Neuwagenmodelle zuständig war. Das Geschäftsfeld war nicht mehr einfach, denn der Konkurrenzdruck nahm beständig zu und Wachstum war schließlich Programm des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Neu hinzukamen Auflagen, um die Umweltbelastungen zu reduzieren. Ein schieres Ding der Unmöglichkeit allerdings bei immer kräftigeren Motoren und zunehmender Bevölkerungszahlen. In diesen Zeiten erinnerte sich Daniel gerne des Gespräches mit seiner Mutter, dass ihm sehr einprägsam etwas vermittelt hatte, womit die Menschheit bislang sehr gut zurechtgekommen war. Die Menschen strömten zu Weihnachten und nicht nur während dieser Festtage eifrig in die Kirchen, um dort Andacht zu nehmen, für etwas, das im Grunde genommen nicht vorhanden war. Die Menschen benahmen sich so, als ob es dort etwas gab, dass ihnen ihre Sünden abnehmen konnte. Und sie glaubten fest daran, dass sie ihre Verfehlungen bei jemanden abladen konnten, der keine Institution, kein Gericht und kein Gesetz, sondern nur eine geistige Vorstellung war. Weshalb also sollte sich da die Entwicklungsabteilung nicht auch an dieses let’s pretend halten können und so tun, als ob es keine Umweltkatastrophen und keine Klimaerwärmung gab. Schließlich ging auch die Politik mit gutem Beispiel voran, wenn sie tagelang tagte und Papier vollschrieb, dass ebenso geduldig war, wie so zu tun, als ob es das alles gar nicht gab. Es schien ein menschliches Prinzip zu sein, dass er für Dinge, die ihm unabänderlich oder störend waren, eine Erklärung beziehungsweise einen Schuldigen brauchte, dem er sein Fehlverhalten anhängen oder übertragen konnte. Und um diesen Zuständen zu entfliehen, schuf sich die menschliche Gesellschaft Ungeheuer, Phantome und Horrorgestalten, die ein skurriles Abbild ihrer Seelen waren, unfähig, die Wirklichkeit so zu verändern, dass die Erde eine Zukunft hatte. Schon Bert Brecht hatte herausgefunden, dass der Planet durch diejenigen, die er erzeugt hat, vernichtet wird.
Aber kommen wir auf Daniel zurück, der eines Tages wieder Mal seine alte Mutter besuchte.
„Erinnerst du dich noch an unser Gespräch vor dreißig Jahren, mein Junge?“
Daniel wusste in diesem Moment genau, wovon seine Mutter sprach und er antwortete: „Du hattest recht Mutter, solch einen Ort, wo der Leibhaftige zu Hause ist, gibt es nicht. Aber es ist ungemein beruhigend so zu tun als ob. Inzwischen habe ich auch das Buch von Lewis Carroll „Alice im Wunderland“ gelesen und kann bestätigen, dass eine Welt hinter dem Spiegel mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat, aber es ist gut zu wissen, dass es einen Ausweg durch die Fantasie gibt, auch wenn dahinter der Tod lauert. Wir Menschen sind nur Gast auf dieser Erde, was danach kommt, entzieht sich gottseidank unserer Vorstellung.“

Sonntag, 2. Dezember 2018

Bekenntnis



Abschied

In den frühen Samstagmorgenstunden wurden die Einwohner von Elbingen durch den lauten Singsang von Sirenen aus dem Schlaf gerissen. Lichterloh brannte in der Altstadt ein einzeln stehendes Wohnhaus. Eine Stunde später bereits hatte sich die Gewissheit über die Ursachen und Folgen des Brandes wie ein Lauffeuer durch den Ort verbreitet.
Wolf Köber kannten die Bewohner Elbingens schon von Kindheit an. Am Ortsrand wuchs er mit seinen Eltern auf, die ihr bescheidenes Auskommen über den Handel mit Topfwaren einbrachten. Diesem Handwerk, mit den stets tonbeschmierten Händen und der schweren Arbeit an der Töpferscheibe, konnte er keine Freude abgewinnen und unterließ zum Gram seines Vaters die häusliche Tradition schon gleich nach Beendigung der Schule. Es mochte die zufällige Bekanntschaft mit dem alten Schuster Paul Herbig gewesen sein, die Wolf seine Vorliebe für Leder erkennen und daraus seinen Berufswunsch entscheiden ließ. Schon als Knaben sah man ihn des Öfteren in der Schuhwerkstatt beim alten Meister Herbig sitzen, der den Jungen bald ins Herz und nach Schulende mit ihm einen Lehrvertrag geschlossen hatte. Zu dem Duft, der den Lederschuhen entströmte und in der Seele des kleinen Wolf ein einprägsames Gespür fand, zog es den Knaben auch wegen des Erzähltalentes des Meisters in die Werkstatt, um bei ihm interessante Geschichten zu hören. Aufmerksam und voller Hingabe saß Wolf zu dessen Füßen und lauschte, während Meister Herbig das Leder schabte oder Nägel in eine Schuhsohle besorgte, mit vor Spannung aufgerissenen Augen den Erzählungen über Fabelwesen und tapfere Helden. Besonders angetan war Wolf von dem Märchen der Gebrüder Grimm, „Der Meisterdieb“, das er beim Schuster zu häufigem Wiederholen anregte, weil ihn die Lösung der drei im Märchen gestellten Aufgaben durch das „Handwerk“ des Meisterdiebs faszinierte. Obgleich die Tatsache eines Diebstahles Leid beim Betrogenen hinterließ, übte die geschilderte Ausführung des „Handwerkes“ auf Wolf eine Anziehung aus, die seine Gedanken auf eine Nachahmung dieser Kunstfertigkeit lenkte. Zunächst allerdings erwachte mit der Zeit Wolfs Neugier, woher der Meister Herbig all seine Geschichten nahm, die er so lebendig zu erzählen wusste. Ein Schmunzeln überzog das Gesicht des alten Mannes, der sich bei dieser Frage ertappt sah, dass er zu diesem Behufe seine kleine Büchersammlung bemühte, die er dem Knaben schließlich verlegen präsentierte. Zum ersten Mal nahm Wolf filigran gearbeitete Lederbände in die Hand, denn der alte Schuster besaß ein halbes Dutzend dieser Bücher, die teils recht abgegriffen, aber immer noch eine Augenweide für den Betrachter waren. Vom ersten Moment an fühlte sich der Knabe zu den Lederbänden der Gebrüder Grimm, den schönsten Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab oder den schweren Bänden mit den Märchen von Brentano angezogen. Sein kleines Näschen schnüffelte über die ledernen Buchdeckel und die Finger befühlten tastend die weiche Oberfläche der Einbände. Der alte Schuster beobachtete den Knaben dabei erstaunt und vergnügt, wie er seine Bekanntschaft mit diesen Büchern auf eine seltsame, aber vertrauliche Weise schloss.
Dieses scheinbar so belanglose Erlebnis erweckte in Wolfs Seele Begehrlichkeiten und legte den Grundstein für ein lebenslanges Verhängnis. Der Junge ward fortan von den in Leder ummantelten Druckerzeugnissen in einen Bann gezogen, dem er all seine Mittel und Möglichkeiten aufopferte. Als er später selbst an der Schusterwerkbank stand und das Leder ihm längst zum vertrauten Arbeitsgegenstand geworden war, garte ein beständiges Verlangen um diese Könige der Buchbindekunst, dass ein Großteil seiner Gedanken während der Arbeit beständig um die Anreicherung seiner inzwischen begründeten Bibliothek kreisten. Allerdings trug er sich dabei vor allem daran schwer, dass es nicht so sehr die Mittel für die Bücher waren, um die sich seine Bemühungen drehten, als vielmehr die Art ihrer Beschaffung den Kern seiner Überlegungen bildete. Ein um das andere Mal huschten Erinnerungen an die Erzählung vom Meisterdieb durch seinen Kopf und er sann darauf, mit welchen Einfällen er sein Begehr nach Lederbänden stillen konnte. Bislang stöberte Wolf über Trödelmärkte oder suchte dem Zufall für seine Lust auf die Spur zu kommen. Doch all dies brachte nicht die erhoffte Ansammlung zustande, deren seine Begehrlichkeit nach diesen Büchern bedurfte. Im Hause seiner nunmehr bereits vor einiger Zeit verstorbenen Eltern galt der Buchbesitz der Bibel für ausreichend, so dass Wolf mit diesem dürftigen Grundstock seine Büchersammlung begründet hatte. Weitere kirchliche Werke kamen in kurzer Zeit hinzu, als er gelegentlich beim Besuch von Gotteshäusern verwaiste, in Leder gebundene Gesangsbücher fand, die er heimlich unter dem Wams davontrug. Da sie in großer Vielzahl auf den Kirchenbänken lagerten, schämte er sich nur maßvoll seines Vergehens. Der Herr würde es bestimmt gutheißen, nahm er sich doch seines Gedankengutes in stiller Bedürftigkeit an, weil seine Tat doch dem Glauben an eine gute Sache diente. Recht bald allerdings waren diese Gaben erschöpft, denn für einen Büchersammler zählte das Einzelstück als Prunk, das keinen Doppelgänger nötig hatte. Und so musste Wolf auf andere und neue Gelegenheiten sinnen.
Diese ergaben sich, als Wolf eines Tages die drei Antiquariate in Elbingen entdeckte. In Sonderheit dass diese Bücherhöhlen stets wenige Besucher zählten, offenbarten sich in den verschlungenen Reihen der Bücherregale günstige Momente, in denen sich Wolf alleine mit seinen Absichten wähnte, ein begehrliches Stück aus feinstem Leder aus dem Regal zu ziehen und einem vorbereiteten Versteck am Körper anzuvertrauen. Dazu hatte er sich eigens einen langen Mantel zugelegt, der inwendig über zwei tiefe Taschen verfügte, deren Ausmaß jeweils einem Oktavband von größerem Umfang entsprach. Lange hatte er über dieses Versteck nachgedacht und ihm fein säuberlich mit Schusterzwirn auch jenen Halt verliehen, der notwendig war, dass ein schwerer Lederband formgerecht umhüllt wurde. Zur Versteifung des Mantelversteckes hatte Wolf dünne Pappe ins Futter genäht, so dass ein Behältnis ähnlich einem Buchschuber entstanden war, in den das Buch passgerecht Aufnahme fand. Damit die Mantelseiten im Gleichgewicht hingen, mussten es jedes Mal zwei Bücher sein, die ihren neuen Eigentümer auf diese heimliche Weise fanden. Obgleich die Antiquare von Berufs wegen mit guter Erinnerung ausgestattet waren, rechnete Wolf aufgrund der Fülle des Bücherbestandes mit später Entdeckung des Verlustes und es sollte auch nicht wundernehmen, wenn ein Bücherdiebstahl auf ewig unentdeckt blieb. Diese Annahme hatte in vielen Jahren, in denen Wolf den Läden seine Besuche abstattete, eine anscheinend berechtigte Vorstellung, denn nie wurde er einer seiner Taten bezichtigt. Stets wenn er die Antiquariate besuchte, brachte er zur Akzeptanz seines Besuches ein schmales Lederbändchen mit ins Licht des Kassenbezirkes, bezahlte einen bescheidenen Preis und entführte unter seinem Mantel zwei weitere gewichtigere Exemplare aus diesem Bücherhort. Es war dies ein kalter, weil unbemerkter Abschied für den jeweiligen Antiquar von einem Teil seines Besitzstandes, wie Wolf sein Verhalten für sich umschrieb. Obgleich Wolf im Alltag von Ehrlichkeit geprägt war, trug er für sein frevelhaftes Tun um die Bücherdiebstähle keine Sorge im Herzen, denn wie im Märchen der Meisterdieb nur vom Überfluss der Reichen nahm, so betrachtete Wolf die unermesslich scheinende Bücherfülle in den Antiquariaten als einen Umstand, der ihn zu seinem Handeln berechtigte. Auch machte er sich nie Gedanken darüber, dass ein Fehlen der Bücher den Antiquaren würde auffallen können, was er nur leichtfertig und mit wenig Geschick durch Verschieben der übrigen Bücher auf dem Regal zu verdecken suchte. Denn nie hatte ihn ein Ladeninhaber beim nächsten Besuch beargwöhnt, was seine Meinung zu seinem Verhalten schließlich aufkommen lassen hat.
Inzwischen war der Bestand der häuslichen Bibliothek bei Wolf erheblich angewachsen und der Raum neben seiner Schuhmacherwerkstatt reihum mit Regalen voll der schweren Lederbände angefüllt. Es war eine Bücherlandschaft in den Jahren entstanden, die sich dem Auge darbot, wie sie eine gräfliche, in Jahrhunderten gewachsene kleine Bibliothek nicht hätte schöner aufbieten können. Zwar fehlten hier die alten wertvollen Glanzstücke aus den frühen Jahrhunderten der Buchdruckerkunst, die eine Bibliothek zum Hort eines schwerreichen Erbes machen, weil die Antiquare derartige Ware unter besonderem Verschluss hielten. Doch Wolf war mit Äußerlichem zufrieden, wenn es nur aus Leder bestand. Und so reihte sich auf seinen Regalen ein Abglanz verlegerischer Launen zu Büchern aus der jüngeren Vergangenheit, die als Sonderausgaben oder Gelegenheitsstücke entstanden sind. Schon lange gab sich Wolf auch mit Halbfranzbänden zufrieden, denn so ergiebig, wie es seinem Geschmack an Ganzlederbänden gefallen hätte, erwiesen sich die besuchten Antiquariate leider doch nicht. Allerdings legte er bei diesen Halblederbänden einen besonderen Wert auf die Buchrückengestaltung und dass möglichst ein breiter Rand des Buchdeckels vom Leder überspannt war sowie Lederecken den Band zierten. Solcherart Bücher waren leichter in den Regalen der aufgesuchten Läden zu finden als die Ganzlederbände, denen meist ein besonderer und geschützter Bereich im Antiquariat vorbehalten war. Dieser Umstand brachte Wolf manchmal an den Rand der Verzweiflung und einmal wäre es gar bald geschehen, dass der Inhaber des Ladens ihm auf die räuberischen Schliche gekommen wäre. Ein frisch aufgearbeiteter Lederband, der Wolf ob seines schönen Zustandes gleich nach Betreten des Ladens aufgefallen war, wurde wohl versehentlich auf eine Tischablage verbracht. Er wollte eben seine Hand begehrlich nach dem Buch ausstrecken und seine Entdeckung unter dem Mantel in Verwahrung bringen, als der Antiquar hinzutrat. „Ein schönes Stück, nicht wahr?“, teilte dieser seine Begeisterung für das Werk mit. Nachdem Wolf kein offenkundiges Interesse an dem Buch bezeigte, schloss der Ladenbesitzer es wieder in einen Glasschrank. Es war dies ein sonderbarer Zustand, denn Wolf schien wie gelähmt, als er seine Absichten durch die Anwesenheit des Antiquars zerstört sah, so dass er eine gewisse Gleichgültigkeit gegen das schöne Buch ausstrahlte, die den Antiquar zu seinem Entschluss, das wertvolle Buch in Verwahrung zu nehmen, berief. Nun wehte vom Glasschrank eine Häme gegen Wolf, der seinen Blick nur zögerlich zur Beherrschung brachte und sich beständig von dem dunkelbraunen Lederband angezogen fühlte. Ein Begehren war ihm vor Augen wie eine Seifenblase zerplatzt und ein Verlustgefühl brannte ihm auf der Seele, dem er nur entgehen konnte, indem er an diesem Tag beinahe fluchtartig den Laden verließ. Man mag in diesem Verhalten bereits krankhafte Auswüchse mit körperlichen Leiden erkennen, die Wolf plagten, und so wird es nicht wundernehmen, wenn wir erfahren, dass die Büchersucht nach Lederbänden bei Wolf das Ausmaß der Gier bereits weit überschritten hatte und er auf dem Wege war, sich zu einem sonderbaren Kauz zu entwickeln. Diese innere Verwandlung zeigte sich auch in seinem Äußeren. Noch nicht einmal fünfzig Jahre alt, schlich Wolf in gebückter Haltung durch die Straßen des Ortes, und wer ihm begegnete, ging seiner Erscheinung mitleidsvoll aus dem Wege. Seine Kleidung war schmuddelig, die Haare ungepflegt und unter seinen Fingernägeln bargen dunkle Ränder die Reste seiner handwerklichen Tätigkeit. Nur noch Stammkunden und vereinzelte Neugierige suchten seine Schusterwerkstatt auf und verabreichten ihm Arbeit für seinen Lebensunterhalt. Einer Frau hatte er in seinem Leben, in dem nur die Leidenschaft für das Leder seine Berechtigung fand, bislang keinen Platz eingeräumt. Und wie man es gelegentlich den Hundebesitzern nachsagt, dass sich ihr Äußeres aus dem Besitz ihrer Lieblinge prägt, so hinterließen auch die Produkte des Gerberhandwerkes in Wolfs Gesicht mit seinen porigen und von alters wegen erworbenen Falten und Dellen ihre unübersehbaren Spuren.
Da geschah es eines Tages, dass, als Wolf vor seinen mit den prachtvollen Büchern angereicherten Regalen stand, ein Gedanke wie der Blitz aus heiterem Himmel in seinem Kopf auftauchte. Mochten es vielleicht die zunehmenden gesundheitlichen Beschwerlichkeiten des Alltags gewesen sein, die in diesem Moment an sein Bewusstsein klopften: Wolf erkannte plötzlich und unerwartet die Gewissheit von der Endlichkeit allen Daseins. Es war so einfach und unerlässlich, dass wir unser Leben mit dem Tod beenden, dachte er, während all die Bücher hier vor seinen Augen bleiben und ein weiteres Weilchen bei einem nächsten Besitzer fristen werden, bis ein Zufall oder ein Entschluss ihre Gegenständlichkeit vernichtet. Wolf sank auf seinen Lesestuhl und starrte mit einem befremdlichen Gefühl auf die über die Jahre angesammelten Lederbände. Er würde keines von ihnen dahin mitnehmen können, wohin sein Lebensweg ihn unweigerlich führte. All die Mühen und Findigkeiten, in den Besitz dieser Bücher zu kommen, hatten etwas Lächerliches an sich, blitzte ein Gedanke durch seinen Kopf. Er hatte dafür bewusst Menschen hintergangen, ihnen genommen, was ihr Eigentum war, zu diesem Preis, dass er nur eine Zeit lang Freude am Besitz dieser Bücher nahm. Welch ein Widersinn steckte hinter diesem Verhalten, dachte Wolf. Und als würden seine Gefühle durch diesen Gedanken gespült, entwichen ihnen all die Bestandteile, die zur Wertigkeit seines Befindens gegenüber den Büchern in seinem Leben geführt hatten. Wolf spürte plötzlich eine Leere in seinem Innern, und dort, wo bis vor wenigen Minuten noch sein Stolz über seine Bücher vorgeherrscht hatte, gähnte ihm nun höhnisch der Spott entgegen. Mit hängenden Schultern und scheinbar in den letzten Minuten schlagartig um mehrere Jahre gealtert, wirkte sein Gesicht zerfallen, grau und wie von einem Hauch des Todes heimgesucht. Wolf saß an diesem Tag noch eine geschlagene Stunde wie versteinert inmitten seiner Bücherregale, während seine Gedanken mit einem befindlichen Halt für seine neue Situation beschäftigt waren. Was sollte nun werden, dachte er, mit all diesen Büchern, die er zusammengestohlen und geraubt hatte? Er konnte doch nicht einfach in die Antiquariate gehen und sein Diebesgut an ihre ursprünglichen Eigentümer verkaufen. Auch empfand er den Vorschlag des Augenblicks, die Bücher einfach reumütig zurückzubringen, als sei er geläutert und bitte nun für sein Verhalten um Entschuldigung, für unwürdig. Zu solch einer Unterwürfigkeit fühlte er sich nicht in der Lage. Was er getan hatte, dazu wollte er nun bis an sein Lebensende stehen, wäre es doch sonst ein Eingeständnis dessen, dass er ein verfehltes Leben geführt hatte. Obgleich verführt durch Gier und Unersättlichkeit, nahm er diese Erkenntnis in Verantwortung und suchte keine Ausflüchte zu seiner Entlastung. Er hatte es so gewollt und nun trug er ganz allein an dieser Last. Kurz tauchten Erinnerungen an seine Eltern auf, die sich mit einem einzigen Buch in ihrem Leben begnügt und ihr Dasein auf eine ehrliche und natürliche Weise geführt hatten. Der Geruch des Leders hatte ihn offensichtlich um seinen Verstand gebracht. Am Ende dieser Muße schaute Wolf mit einem Blick, der nichts Ehrbares mehr verhieß, auf die hehren Bucheinbände um sich herum. Mühsam hatte sich Wolf schließlich aus seinem Lesestuhl erhoben und war mit einem Gleichmut an seinen Bücherregalen vorbeigelaufen, als handelte es sich um einen beliebigen Gebrauchsgegenstand.
Von Stund an brach für Wolf eine Welt zusammen, und was einst all seinem Begehr und seiner Beschäftigung galt, dem Leder, verwandelte sich in einen Gegenstand der Abscheu. Der strenge Geruch in seiner Schuhmacherwerkstatt schürte einen Kummer in seiner Seele, dem Gleichgültigkeit gegenüber seiner Arbeit folgte. Die Kunden beschwerten sich zunächst und blieben bald ganz aus, weil die Sohlen, die Wolf neu belegte, dem nächsten Gebrauch nicht standhielten. So hatte Wolf immer mehr Zeit, über sein Schicksal nachzudenken und kaum mehr Pfennige in seiner Kasse, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wolf magerte zusehends ab und war bald nur noch ein Schatten seiner selbst. Seinen Bibliotheksraum mit den erhabenen Ledereinbänden betrat Wolf während dieser Zeit nur noch selten und wenn, dann mit einem gleichgültigen Blick, der bald gar etwas Feindseliges erkennen ließ. Es war der Neid auf die scheinbare Unvergänglichkeit dieser Bücher, der an ihm zu fressen begonnen und seinem Gesicht Ausdruck verliehen hatte.
Dann kam der Tag, an dem ihm diese Bücher mit ihrem Vorhandensein als Last auf der Seele lagen und Wolf darüber nachsann, wie er sie aus seinem Besitz bringen können würde. Verkaufen kam für ihn nicht infrage, denn die zumeist gestohlene Ware konnte an die hiesigen Antiquariate nicht veräußert werden. Um sich weitere ähnliche Kontakte in anderen Ortschaften zu erschließen, besaß Wolf weder die Kraft noch die Geduld, und es war ihm auch der Mühsal zu viel, die er für seine unzähligen Bücher hätte aufbringen müssen. Jedes einzelne Buch erwies sich nun als Gepäck, das ihm auf der Seele lag und von dort seine Gedanken berührte.
Als er eines Tages in schleppenden Schritten durch die Stadt lief, fiel sein Blick auf den Laden eines Altstoffhändlers, in dessen Hof Wolf Berge von Papier und auch geschnürten Büchern erkannte. Immer wieder schaute er hinüber auf den Ablageplatz, während sich in seinen Gedanken eine Idee formte, deren Vollendung das Herz eines Bücherliebhabers zerreißen musste. Doch dieser Gedanke nistete sich in seinem Kopf wie eine Brut ein, die fortan mit ihrem Begehr nach Leben keine Ruhe mehr gab. Rat- und rastlos lief Wolf zu Hause von einer Zimmerecke in die andere, bis sein Entschluss, es mit dieser Art der Entsorgung seiner Bücher zu versuchen, feststand. Er wollte ein einziges Regal für diese Schmach opfern und danach in seiner Seele erspüren, was dort geschah. Obgleich sich sein Bewusstsein hinsichtlich der Bücher in den letzten Wochen gewandelt hatte, mochte in einem Winkel dieser Verfassung noch ein Fünkchen verblieben sein, dass die einstige Glückseligkeit gegen seine in Leder gebundenen Bücher noch zu entfachen in der Lage war. Beim Packen der Taschen loderte plötzlich eine Erinnerung an die einstigen Tage jener freudvollen Beschäftigung auf, dass Wolf in seinem Tun innehielt, sanft über den Buchkörper des in seinen Händen haltenden Bandes strich und im nächsten Moment eine Träne den Buchdeckel benetzte. Hastig hatte er sich gegen diesen Gefühlsausbruch mit dem zwanghaften Fortsetzen seines Packens gewehrt und war in Eile geraten, wie man sie von seinem schwächlichen Körper hätte nicht mehr erwarten können. Dann stand Wolf mit zwei Taschen schwer bepackt vor dem Grundstück des Altstoffhändlers, der gerade in diesem Augenblick mit einem Kunden in Streit über eine Abrechnung geraten schien. Laute Worte drangen an Wolfs Ohr, dessen soeben noch gestraffter Oberkörper bei dieser Beobachtung merklich an Spannung verlor. Als sei die Szene für Wolf gespielt, wähnte er sich als Zuschauer eines Dramas, dessen Handlung ihn zum Besinnen zwang. Steif und starr verfolgte er den Fortgang des Streites und hörte bald nichts mehr davon, weil eigene Gedanken dazwischenriefen. Noch bevor die Auseinandersetzung auf dem Hof ein Ergebnis erkennen ließ, hatte Wolf seine beiden Taschen mit den Büchern wieder in den Händen und lief nach Hause.
Die seltsame Einflüsterung, die Wolf während des Alltagsdramas auf dem Gelände des Altstoffhändlers in seinen Gedanken ereilt hatte, führte zu einer wundersamen Versöhnung des Schusters mit seinen Büchern. Auf dem Heimweg zum angestammten Domizil seiner Bücher war Wolf ein Einfall widerfahren, der, je näher er seiner Wohnung kam, immer genauere Konturen in seinem Kopf annahm und er erstmals wieder nach Wochen des Trübsinns und der Mutlosigkeit vor seiner Zukunft so etwas wie Freude und Genugtuung verspürte. Ein Gefühl, das ihm über so viele Jahre im Angesicht seiner Bücher vertraut war und das ihn an jenem denkwürdigen Tag, als ihm die Tatsache des Überlebens seiner Bücher unter der Gewissheit seiner Vereinsamung ins Bewusstsein drang, verlorengegangen war. Warum, so dachte Wolf, sollten wir, die Bücher und ihr Herr, nicht auf ewig zusammenbleiben können, vereint zu Asche und Staub, untrennbar in eins vermischt? Der Sturmwind des Feuers würde diese Arbeit verlässlich verrichten.
Als käme er von einer großen Besorgung zurück ins Heiligtum seiner Bibliothek, verbrachte Wolf die aussortierten und dem Altstoffhändler geweihten Bücher wieder fein säuberlich ins Regal. Dann saß er noch bis gegen Mitternacht vor seinen Buchschätzen und erweckte all jene noch gedanklich fassbaren Erinnerungen an jene Zeiten, als seine Sammlung aus ihrem Anfang mit der Bibel seiner Eltern beinahe wöchentlich um einige Bücher zum ersten gefüllten Regal anwuchs. Nach und nach reihte sich Diebesgut an heimelig eingewöhnte Bestände, die längst das Ruchbare ihrer Herkunft an einen geistigen Frieden verloren hatten. Neue Regalböden mussten angeschafft werden, bis schließlich eine stattliche Bibliothek aus Lederbänden den Raum mit ihrem schweren Duft nach natürlichen Gerbstoffen anfüllten.
Auf dem Tischchen neben seinem Lesestuhl lag unter der Lampe ein Bündel mit langstieligen Kerzen bereit, die Wolf in den nächsten Minuten auf die Regalbretter vor seine eingerückten Bücher verteilte. Die Kerzenflämmchen würden die Holzbretter schnell erreichen, so war sein Plan auf dem Weg zur gemeinsamen Vergänglichkeit.
Als die Feuerwehren in den Morgenstunden eintrafen, brannte bereits der Dachstuhl lichterloh und das Löschwasser vermochte nur noch eine Ausweitung des Feuers auf die Nachbarhäuser zu verhindern. Wolfs bleiches Skelett fand man gegen Mittag inmitten von Asche und Staub.