Montag, 17. Dezember 2018

Let’s pretend

(Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte)

Für diese kleine Erzählung möchte ich einen Ausdruck aus dem wunderbaren Buch „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll zur Einführung verwenden, der besagt, ‚tun wir mal so als ob‘. Und um auch noch ein Bild für diesen Ausdruck vor Augen zu führen, wähne ich eine Stelle aus dem Buch von Louis Aragon „Spiegelbilder“ zu verwenden. Er schreibt: „Oder wir werden eine Unterhaltung führen, wie der weiße König mit der weißen Königin – die Schachfiguren, versteht sich-, wenn der König ihr erzählt, welch Entsetzen ihn packte, als er von Daumen und Zeigefinger der unsichtbaren Alice ergriffen wurde: „Ich versichere Ihnen, meine Liebe, ich bin bis in die Spitzen meines Backenbartes erstarrt“. Worauf die Königin entgegnet: „Sie haben ja gar keinen Backenbart.“ – „Nie“, fährt der König fort, „nie werde ich den Schrecken dieses Augenblicks vergessen können.“ – „Das wird dennoch geschehen“, sagte die Königin, „wenn sie das nicht aufzeichnen.“
Aus Kindertagen ist dem Leser bestimmt das Spiel der Heranwachsenden vertraut, wenn sie beide Hände vor ihre Augen halten und damit den Eindruck zu erwecken suchen, sie sind für einen Erwachsenen nun nicht mehr sichtbar. Davon will ich erzählen, von jenem Tun als ob, dass die Wirklichkeit willentlich oder aus Mangel an Kenntnis einfach ausschließt. Es ist in Kinderzeiten ein belustigendes Spiel, aber ohne Fantasie ein todernstes Verfahren. Zu letzterem neigt der Kapitalismus, wenn er sich den Auswirkungen seiner Entwicklung verantwortungsschmähend versagt. So einfach ist das also, zu tun, als ob es immer so weiter geht und wie in Kindertagen durch verdecken der Augen sich der Wirklichkeit zu entziehen. Aber machen wir eine Geschichte daraus.
Der kleine Daniel zählte sieben Jahre, als er eines Tages seine Mutter überraschend fragte: „Wir beten nun regelmäßig jedes Mal vor unseren Mahlzeiten ein Vaterunser, dass er das Essen, was wir zu uns nehmen wollen seligspricht. Ich wollte gerne einmal diesen Mann, der so viel Güte besitzt kennenlernen. Mutter, wo kann ich ihn finden, denn er muss sich ja irgendwo aufhalten, wenn von ihm so oft die Rede ist?“
Erstaunt hörte die Mutter ihren Sohn an und besann sich dann in ihren Gedanken, wie sie ihrem Kinde eine verständige Antwort dazu geben könnte. Liebevoll erwiderte sie den Blick ihres Kindes, aus dessen Augen ihr so viel Vertrauen entgegenleuchtete. Augenblicklich wurde ihr in diesem Moment das Ausmaß dieser Situation bewusst, die für das weitere Leben von Daniel eine schwerwiegende Bedeutung haben konnte. Aber es kam ihr die Erinnerung an ihre eigene Kindheit zu Hilfe, als sie das erste Mal das Umfängliche des menschlichen Glaubens am eigenen Leibe erfuhr. Ihr Vater war seinerzeit schwer erkrankt und ärztliche Hilfe an den Rand ihres Vermögens geraten. Ihr wurde deshalb bedeutet, dass sie fest an die Genesung ihres Vaters glauben sollte, so fest, als ob diese Krankheit überhaupt nicht vorhanden sei. Und zur Hilfe für die Festigkeit ihres Willens war ihr vom Arzt angeraten worden, sich einer Vorstellung von der Kraft ihres Willens in Form eines Wesens hinzugeben, dass man Jesus Christus hieß und der den Menschen als Abbild seiner Person etwas Außerordentliches, was man Demut nannte, bedeutete. Zum Preisen seines auf sich genommenen Leides hatte man ihm weltweit Kirchen errichtet, in denen die Menschen zu ihren Problemen Aufsehen und sich in Ruhe besinnen konnten. Ein Ort der Zurückgezogenheit, wie ihn der Mensch immer dann benötigt, wenn er allein mit sich und seinen Gedanken sein möchte. Und so antwortete die Mutter ihrem Sohn: „Immer wenn wir vor Beginn der Mahlzeiten eine kurze Andacht halten, suchen wir Halt ganz bei uns durch den Glauben an unsere heimische Gemeinsamkeit und konzentrieren für einen Augenblick unsere Gedanken auf die Ruhe, mit der wir unserem Körper die Mahlzeit zuführen wollen. Und zur geistigen Vorstellung dieses Augenblicks nehmen wir Zuflucht zu jenem Jesus Christus, der in diesem Moment unseren Willen verkörpert. Und um es dir einfach zu sagen, wir tun nur so als ob, denn es gibt keinen Ort wo sich jener jetzt leibhaftig aufhält, außer in deinen Gedanken oder zur Lobpreisung seiner demutsvollen Taten in den vielzähligen Kirchen.“
Dreißig Jahre später.
Aus Daniel war inzwischen ein erfolgreicher Unternehmer geworden, der im Automobilbau sein nicht unbeträchtliches Auskommen gefunden hatte und als Entwicklungsingenieur für die Neuwagenmodelle zuständig war. Das Geschäftsfeld war nicht mehr einfach, denn der Konkurrenzdruck nahm beständig zu und Wachstum war schließlich Programm des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Neu hinzukamen Auflagen, um die Umweltbelastungen zu reduzieren. Ein schieres Ding der Unmöglichkeit allerdings bei immer kräftigeren Motoren und zunehmender Bevölkerungszahlen. In diesen Zeiten erinnerte sich Daniel gerne des Gespräches mit seiner Mutter, dass ihm sehr einprägsam etwas vermittelt hatte, womit die Menschheit bislang sehr gut zurechtgekommen war. Die Menschen strömten zu Weihnachten und nicht nur während dieser Festtage eifrig in die Kirchen, um dort Andacht zu nehmen, für etwas, das im Grunde genommen nicht vorhanden war. Die Menschen benahmen sich so, als ob es dort etwas gab, dass ihnen ihre Sünden abnehmen konnte. Und sie glaubten fest daran, dass sie ihre Verfehlungen bei jemanden abladen konnten, der keine Institution, kein Gericht und kein Gesetz, sondern nur eine geistige Vorstellung war. Weshalb also sollte sich da die Entwicklungsabteilung nicht auch an dieses let’s pretend halten können und so tun, als ob es keine Umweltkatastrophen und keine Klimaerwärmung gab. Schließlich ging auch die Politik mit gutem Beispiel voran, wenn sie tagelang tagte und Papier vollschrieb, dass ebenso geduldig war, wie so zu tun, als ob es das alles gar nicht gab. Es schien ein menschliches Prinzip zu sein, dass er für Dinge, die ihm unabänderlich oder störend waren, eine Erklärung beziehungsweise einen Schuldigen brauchte, dem er sein Fehlverhalten anhängen oder übertragen konnte. Und um diesen Zuständen zu entfliehen, schuf sich die menschliche Gesellschaft Ungeheuer, Phantome und Horrorgestalten, die ein skurriles Abbild ihrer Seelen waren, unfähig, die Wirklichkeit so zu verändern, dass die Erde eine Zukunft hatte. Schon Bert Brecht hatte herausgefunden, dass der Planet durch diejenigen, die er erzeugt hat, vernichtet wird.
Aber kommen wir auf Daniel zurück, der eines Tages wieder Mal seine alte Mutter besuchte.
„Erinnerst du dich noch an unser Gespräch vor dreißig Jahren, mein Junge?“
Daniel wusste in diesem Moment genau, wovon seine Mutter sprach und er antwortete: „Du hattest recht Mutter, solch einen Ort, wo der Leibhaftige zu Hause ist, gibt es nicht. Aber es ist ungemein beruhigend so zu tun als ob. Inzwischen habe ich auch das Buch von Lewis Carroll „Alice im Wunderland“ gelesen und kann bestätigen, dass eine Welt hinter dem Spiegel mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat, aber es ist gut zu wissen, dass es einen Ausweg durch die Fantasie gibt, auch wenn dahinter der Tod lauert. Wir Menschen sind nur Gast auf dieser Erde, was danach kommt, entzieht sich gottseidank unserer Vorstellung.“

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