Freitag, 25. Januar 2019

Brief eines Enkel an seinen Großvater im Pflegeheim


Brief eines Enkels an seinen Großvater im Pflegeheim, datiert auf den 29. Februar 2050

Mein lieber Großvater, als wir jetzt beim Packen unserer Umzugskisten waren, fielen mir einige verstaubte Zeitungen auf unserem Dachboden aus dem Jahre 2019 in die Hände, und ich versank darin aus purer Neugier ins Lesen der damaligen Artikel. Je länger ich darin blätterte und las, desto nachdenklicher gestalteten sich meine Gedanken und in meiner Seele ballten sich immer deutlicher und spürbarer Wut und Ärger zu einem Vorwurf zusammen, der nun aus vielen Warum-Fragen besteht, die ich dir gerne in diesem Brief stellen möchte.
Warum habt ihr damals die Warnungen von Klimaexperten nicht ernst genommen, die davon berichteten, dass es bereits zwei Minuten vor Zwölf sei, dem weiteren Leben auf unserem Erdball noch eine Chance einzuräumen. Und weiter, schon damals herrschten in Teilen der Welt katastrophale Hitzeperioden von um die 45 Grad Celsius und in Deiner Heimatstadt Dresden, war die Elbeschifffahrt wegen Niedrigwasser zum Erliegen gekommen. Jetzt liegen diese wundervollen Schaufelraddampfer schon seit einigen Jahren wegen der anhaltenden niedrigen Pegelstände auf dem Trockendock und ihre Betriebsamkeit ist uns eine alte Mär. Warum also habt Ihr es geduldet, dass, statt den öffentlichen Nah- und Fernverkehr kostengünstig zu entwickeln, immer mehr Fahrzeuge auf Euren Straßen zugelassen wurden. Auch die Kreuzfahrtflotte hatte, wie man liest, zu unsinnigen Reisen die Weltmeere durchpflügt und mit ihren immer größer werdenden Pötten mit ihrem Schmutz und den Abgasen die Umwelt auf den Meeren belastet, von den für die einheimische Bevölkerung belastenden Touristenströmen in den Anliegerstädten einmal ganz abgesehen. Denn konsumiert wurde von den Passagieren vor allem auf den Schiffen und der tägliche Wechsel in ein anderes Land brachte ohnehin nur flüchtige Kenntnisnahme landestypischer Sehenswürdigkeiten und Gewohnheiten für die Touristen mit sich. Wenn ich schon den Konsum anspreche, warum ist Euch eines Tages die Vernunft abhandengekommen, dass auch dem Wachstum Grenzen gesetzt sind, wenn es dazu Ressourcen bedurfte, die auf Zeit nicht unbegrenzt verfügbar waren. Wie ich gelesen haben, wurde schon von Deinen Zeitgenossen ein Mehrfaches dessen verbraucht, was nie wieder erhältlich sein wird. Warum also habt Ihr diesen scheinbar grenzenlosen Konsum mit Euren Bedürfnissen erwünscht, der letztendlich jene Logistik bedurfte, die ein Verkehrsnetz rund um den Erdball mit Schiffen Flugzeugen und Lastkraftwagen spannte. Warum also mussten Früchte aller Herrenländer auf Euren Tischen liegen, wenn er auf einen solchen energetischen Aufwand angewiesen war. Die Fahrzeugindustrie hat es Euch gedankt, denn sie wuchs Dank Eurer ständig wachsenden Bedürfnisse nach immer neuen Innovationen ins Unermessliche und erstarkte zu einer Lobby, die wie ein Krake in allen Bereichen der Wirtschaft ihre Fänge ausstreckte, dass eines Tages nichts mehr ohne Ihre Zustimmung geschehen konnte. Selbst die Politiker wurden zu ihrem Spielball und dafür mit hohen Einkünften und Pensionen versehen, dass ihre Entscheidungen niemals zum Nachteil von Wachstum und neuen Entwicklungen wurden. Wieder frage ich, warum habt Ihr Vertreter einer Demokratie gewählt, die Kraft ihrer Entscheidungsbefugnisse dazu in der Lage gewesen wären, einen Gemeinschaftssinn vor das Gewinnstreben zu setzen und statt Kapitalrendite zum alles entscheidenden Streben zu machen und stattseiner der Vernunft Tür und Tor zu ihrer Verbreitung aufzureißen. Und versagt haben die gleichen Volksvertreter als es darum ging, der zweiten großen Lobby, der Pharmaindustrie, in ihrem Gewinnstreben Einhalt zu gebieten. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass technischer Fortschritt nicht nur ein Segen für die Menschheit ist, sondern auch zum Leid geraten kann, wenn man Gewinnstreben vor eine vernünftige Lebenserhaltung setzt. Das Ergebnis erlebst Du am eigenen Leibe und in Deinem Umfeld, wo immer mehr Menschen auf Grund ihrer künstlich erzeugten Lebenserwartung auf Pflege angewiesen sind. Gesundheit ist schon vor vielen Jahren zu einem maßlosen Geschäft geworden, wo nicht allein nur die Lebenserhaltung, sondern Auslastung von Krankenbetten und Dotierungen das Maß aller Dinge geworden sind. Eine letzte Frage habe ich noch an Dich, mein lieber Großvater, der Du so viel Lebenserfahrung gesammelt hast, warum setzt der Mensch, der sonst so ängstlich um seine Sicherheit und Vorsorge bedacht ist, seine Lebensgrundlage, die Natur dieser wundervollen Erde, aufs Spiel, wenn ihm doch eine Intelligenz gegeben ist, kleinste Elementarteilchen sichtbar zu machen und dabei das Große und Ganze seiner Umwelt aus dem Auge zu verlieren. Wenn es dem Affen gegeben wäre, mit einem Werkzeug den Ast, auf dem er sitzt abzuschneiden, er würde es nicht tun.

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