Mittwoch, 1. Januar 2020

Buchempfehlung V

19. Januar 2020

Buchempfehlung: - 26
Hanns Cibulka – Sanddornzeit
Mitteldeutscher Verlag Halle – 4. Auflage, Jahr 1971 – 127 Seiten
Aus diesem Buch weht der Geist einer vergangenen Zeit mit seinen naiven Beschreibungen der Menschen und der Natur auf der Insel Hiddensee. Zu jener Zeit, als der Autor die Insel für ein paar Wochen besuchte, war der Tourismus erst in seinen Anfängen und zumal hauptsächlich nur von einer Sorte Mensch besucht, denen die Sehnsucht nach der großen Welt noch nicht das Blut durcheinanderwirbelte. Die Schilderungen bewegen sich auf einem natürlichen Niveau, wie es nur der ungetrübte Blick von Menschen sein kann, die dem bodenständigen ihren Schwerpunkt verleihen. Dazwischen hangen gelegentlich Erinnerungen an Kriegserlebnisse, die dem Blick des Autors auf seine Gegenwart eine Hoffnungsfreude verleihen, sich in einer guten, besseren Zeit zu befinden.
Welch ein Absatz: Mit Büchern zueinander sprechen, durch Bücher voneinander hören, über die Grenzen hinweg den anderen verstehen, seinen künstlerischen Standpunkt dulden, respektieren. Liegt nicht schon darin der erste Schritt zu einem neuen menschlichen Miteinander?


13. Januar 2020

Buchempfehlung: - 25
Hugo von Hofmannsthal – Frau ohne Schatten
Ges. Werke S. Fischer – 1. Auflage, Jahr 1924 – 118 Seiten
Der Plot dieses Märchens ist schnell erzählt. Eine Frau, die Kaiserin aus dem Feenreich, besitzt keinen Schatten (eine Adaption auf den Peter Schlemihl), was als ein Symbol ihrer Unfruchtbarkeit gilt. Mit Hilfe ihrer Amme will sie einen Frau aus dem Menschenreich finden, die ihr ihren Schatten gegen die Erfüllung von Wünschen abtritt. In der Frau des Färbers Barak finden sie ein geeignetes Opfer, die sich ihrem Mann versagt, weil sie keine Kinder haben möchte. Die Erfüllung des Wunsches der Kaiserin nach einem Schatten wird zudem von der Forderung von Geistern forciert, die dem Kaiser eine drei-Tage-Frist einräumen, in der die Kaiserin zu einem Schatten gekommen sein muss, ansonsten wird er versteinert.
Um all dies dreht sich die Handlung dieses Märchens, dass auch Richard Strauss zu einer erfolgreichen Oper verarbeitet hat.
Die Geschichte stellt einen Sieg der Emotionen über eine Wunschwelt dar.


11. Januar 2020

Buchempfehlung: - 24

Christa Wolf – Störfall – Nachrichten eines Tages
Aufbau Verlag Berlin – 2. Auflage, Jahr 1988 – 118 Seiten

Die Geschichte beschreibt die Nachrichten eines Tages in der ehemaligen DDR nach dem Supergau im Atomkraftwerk Tschernobyl. Von der Regierung zu äußerster Vorsicht, wegen möglicher Strahlenbelastung aus der Luft aufgefordert, werden einige der durch die Gefahr entstandenen Verhaltensweisen geschildert. Christa Wolf benutzt den schrecklichen Vorfall dazu, generell über die neuen Macht der Technik und ihre Abhängigkeit der Menschen der Nachdenklichkeit anheimzustellen. Auf Seite 38 sagt sie zusammenfassend dazu: „Der Mensch will starke Gefühle erleben und er will geliebt werden. Punktum. Insgeheim weiß das jeder, und wenn es ihm nicht gegeben ist, nicht gelingt oder verwehrt wird, diese seine tiefsten Sehnsüchte zu befriedigen, dann schafft er – ach: wir! -, dann schaffen wir uns Ersatzbefriedigungen und hängen uns an ein Ersatzleben, Lebensersatz, die ganze atemlos expandierende ungeheure technische Schöpfung Ersatz für die Liebe. Alles, was sie uns Fortschritt nennen und woran auch ich hänge, Bruderherz (die Autorin erzählt in einem Parallelstrang von der Hirnoperation ihres Bruders), ob ich will oder nicht, nichts als Hilfsmittel um starke Gefühle auszulösen …“
Das Buch von Christa Wolf erzählt eine Geschichte, die nach dem Sinn und nach der Berechtigung von technischen Fortschritten im Leben der Menschen und nach den Motivationen ihrer Macher sucht.
Und dann dieser letzte Satz im Buch, der mich als Leser nachdenklich zurücklässt: „Wie schwer, Bruder, würde es sein, von dieser Erde Abschied zu nehmen.“
Ein großartiger Text.


07. Januar 2020

Buchempfehlung 23

Joseph von Eichendorff – Aus dem Leben eines Taugenichts
Deutsche Bibliothek Berlin – Auflage und Jahr o. A. – 97 Seiten

Der Sohn eines Müllers wird von seinem Vater des Nichtsnutzes bezichtigt und rät ihm, auf Reisen in die Welt zu gehen und sein Brot selbst zu verdienen. Und so macht sich der Taugenichts auf den Weg, den hier nachzuzeichnen, nicht Anliegen dieser Empfehlung werden soll. Stattseiner will ich die Stimmung schildern, die dieses Buch bei mir hinterlassen hat.
Der Text vermittelt einen Ton, der in unserer Gegenwart fremd geworden ist. Je weiter man darin vordringt, desto intensiver beginnt der Leser auf eine Stimmung aufzunehmen, die ihm fremd, aber angenehm in das wohlige Gefühl einer heilen Welt versetzt. Da ist nicht von Hektik die Rede, sondern von Naturbeobachtungen, in den die Menschen mit kleinlichen Problemen beschäftigt sind. Herzlichkeit ist eine ihrer Prägungen und Mit- und Ehrgefühl begleiten ihrer Handlungen. Es ist eine Welt der Altvorderen, die von Einfachheit, Verzicht und Genügsamkeit geprägt ist und in der die Gier und Habsucht völlig fehlen. Was uns das Industriezeitalter beschert hat, liegt in der geschilderten Zeit noch in der Ferne und man wähnt sich als Leser an manchen Stellen dorthin zurück gezogen, weil man der Fülle neuzeitlicher Errungenschaften entfliehen möchte und sich wieder nach dem einfachen Leben sehnt.


Buchempfehlung: - 22
August Strindberg – Das rote Zimmer
Neufeld & Henius Berlin – Auflage und Jahr o. A. – 463 Seiten

Es ist die Geschichte des Möchtegern-Schriftstellers Arvid Falk und seiner Bohemien-Freunde mit deren Erlebnissen, Sorgen und Nöten ein Bild des Lebens im Schweden des 19. Jahrhunderts auf satirische Weise dargestellt wird. Verleger, Versicherungsgesellschaften, Banken und Behörden werden zum Ziel eines Spottes, der sich vergnüglich liest. Eine Gesellschaftskritik jener Jahre, wie sie neuzeitliche Literatur nicht mehr zuwege bringt, weil in ihr allein nur noch die Unterhaltung zählt.
Das rote Zimmer war ein Junggesellen-Club in Stockholm, in dem sich junge Leute für ihre ausschweifenden Beschäftigungen Geld besorgten. Das Buch widerspiegelt zudem einen Blick hinter die Kulissen des Verlagswesens, des Theaters und der Banken und Versicherungen und zeigt in satirischer Weise deren Wirkungsmechanismen auf. Auf jeden Fall lesenswert, wenn auch manchmal ein wenig anstrengend.

Sonntag, 29. Dezember 2019

Perspektiven



Es gibt verschiedene Perspektiven eine Sache oder eine Begebenheit zu beschreiben. Steht man beispielweise auf einem Berg, sieht man in einem Tal nur die Miniaturen gegenständlicher Beobachtung, während die Gipfel scheinbar greifbar nahe sind.
Nehmen wir diesen Vergleich einmal zur Betrachtung menschlicher Verhaltensweisen, so hat sich der Mensch Dank seiner geistigen Fähigkeiten immer weiter emporgeschwungen, Gesetzmäßigkeiten der Natur entdeckt und für sich zum Untertan gemacht. Der Mensch kann sich vermittels eines Flugkörpers in Höhen aufschwingen lassen, die bislang nur den Vögeln vorbehalten gewesen waren. Zugleich hat er sich Mittel und Möglichkeiten geschaffen, das Innere eines lebendigen Körpers sichtbar und kleineste Elementarteilchen für sich nutzbar zu machen. Der vom Menschen erdachte Fortschritt hat inzwischen solche Höhen erreicht, wie sie vor Unzeiten für den Bewohner dieses Erdballs nur ehrfürchtig als Traum und fernen Gipfel aus einem Tal sichtbar gewesen sind.
Kehren wir nun auf den Gipfel der Menschheit zurück und schauen nun von dort ins Tal, wo sich das eigentliche Leben abspielt. Aus der Sichtweise einer Perspektive von oben haben sich die Verhältnisse im Tal im Vergleich zu Zeiten unsrer Altvorderen sichtlich verändert. Was als erstes auffällig ist, sind die zahlreichen Straßen, die das Land wir feine Adern durchziehen. Und schaut man genau oder durch ein Fernglas hinunter, dann machen sich auf den Straßen Verkehrsströme bemerkbar, die denen rings der Fläche um einen Ameisenhaufen gleichen und sich langsam und scheinbar gequält auf große Ansiedlungen zubewegen. Wo früher Brachland oder Wälder zum Landschaftsbild gehörten, werden jetzt über Straßen verbundene Ansiedlungen sichtbar, die über den Horizont scheinbar eng miteinander verbunden sind und alles und jeden erreichbar machen. Und damit tut sich eine neue Perspektive auf, die einen Fortschritt versinnbildlicht, der die Erde seit der Gegenwart umspannt. In ihrem Geleit fährt ein Wahn, den die Menschheit erfasst hat, als es ihr gelang eine Mobilität zu entwickeln, mit der jeder Winkel auf diesem Erdenrund erkundbar wurde. Dazu braucht es zahlreicher Ressourcen, wie Antriebsmaterialien, Bodenschätze und vor allem Flächen, die für die Mobilität nutzbar gemacht werden mussten. Damit nicht genug, wurden die Meere zu Fahrstraßen für Kreuzfahrtschiffe, die Tausende Menschen energieintensiv an Orte fahren, die ihnen das Kurzzeiterlebnis eines Hier gewesen seins verschaffen. Große Lastschiffe bringen zudem tausende Container von Ost nach West und von Nord nach Süd, um dort aus Rohstoffen Konsumgüter zu machen, die doch nur einem kleinen Teil der Erdeinwohner zugutekommen. Alles ist auf unserer Welt in Bewegung geraten, fliegt, fährt oder dreht sich im Kreise und erschöpft dabei den Reichtum dieser Erde. Einmal in diese Bewegung geraten, kommt es nie mehr zum Stillstand, denn dem Menschen sind seine Errungenschaften und sein Wohlstand ein Talisman für den Wert seines Geistes, mit dem er sich über alles, was diese Erde zu bieten hat, als ein König erhebt. Verzicht ist ihm keine Perspektive, stehen doch auch die Gebirge unverrückbar seit tausenden von Jahren an ihrer Stelle. Und so dreht sich das Rad immer weiter und weiter, wie sich die immer gleichen Gedanken auch nur in eine Richtung bewegen. Ist doch der Horizont auf Grund der Erdkrümmung scheinbar unendlich, so dass daraus möglicher Weise die Perspektive resultiert, die besagt, es geht dahinter schon irgendwie weiter. Eine trügerische Einstellung, wie es uns jüngste Ereignisse rund um den Globus mit ungeahnten Naturgewalten bescheinigen. Das hochentwickelte Leben der Menschen hinterlässt immer mehr Spuren und Einwirkungen auf die Natur des Erdballs, die dringend eine Korrektur seiner Perspektiven bedürfen. Zu diesem Behufe ist nicht nur die Politik zur Verantwortung zu ziehen, sondern auch jeder einzelne Mensch kann mit seinem Verhalten etwas dazu beitragen.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Leserzuschrift zu einem Feuilleton

Leserzuschrift zu „So hat der Kapitalismus Zukunft“

Was diese Überschrift ausdrückt ist nach meinem Dafürhalten schon ein falscher Ansatz. Wenn der Kapitalismus eine Zukunft hat, dann hat die Erde keine. Was hat der Kapitalismus denn erreicht, Wohlstand zu Lasten der Ressourcen unserer Erde und er hat Menschen geschaffen, deren Persönlichkeit, wie Herr Kermani schreibt, deformiert ist und deren Sinngebung in der Anhäufung von Reichtum besteht. Die Gier ist es, die die Persönlichkeiten zerstört. Solange der Mensch an diesem Verhalten festhält, wird sich in der Gesellschaft nichts ändern und da hilft es auch nicht, den Kapitalismus „grün“ zu machen.
Eine Zukunft für unsere Erde besteht meines Erachtens nur darin, dass die Erziehung und Ausbildung der Menschen eine gravierende Veränderung erfahren. Alles, was der Mensch bewegt, geschieht zuerst in seinem Kopf. In ihm ist anzusetzen, wenn wir eine gemeinschaftliches Handeln und die Tatsache verinnerlichen wollen, dass alle Ressourcen der Erde, Boden, Wasser und die Natur mit ihren natürlichen Reichtümern, ein Gut sind, dass allen Menschen auf dieser Erde gehört. Die Geldwirtschaft sollte abgeschafft werden, denn mit ihr hat der Kapitalismus ein Regularium für sich geschaffen, dass die Menschen in arm und reich einteilt. Es ist ein grober Unsinn, wenn ein einzelner Mensch einen irrwitzigen Reichtum anhäuft, der mit der Hände anderer geschaffen nur dem Wohl weniger Nutznießer dient. Schon daran allein ist erkennbar, wie uneffektiv dieses System des Kapitalismus ist, dass nur wenigen nützt und die Vielen für sich ausnutzt. Die von ihm initiierten Sozialleistungen für die Vielen ist sein Alibi, mit dem er die Enteigneten abfindet und ruhighält.
Um es noch einmal zusammenzufassen, eine Rettung für unsere Erde gelingt nur dann, wenn wir die durch den Kapitalismus erzeugten Probleme auf dieser Erde durch ein gravierendes Umdenken zu lösen versuchen und dem Rat von Albert Einstein folgen, der herausgefunden hatte, dass man Probleme nicht mit den gleichen Denkmustern lösen kann, unter deren Verwendung sie entstanden sind. Nur weil das sozialistische System in der DDR gescheitert ist, die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt, sollte man diese Gesellschaftsform nicht von vornherein verteufeln, sondern sich ihrer Ausgestaltung einmal mit dem heutigen Wissen um die globalen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Zusammenhänge in Anbetracht der Klima- und Energieentwicklung vor Augen führen. Ein System, dass das Wohl aller Menschen im Kern und zum Inhalt all seiner Bestrebungen macht, sollte man deshalb nicht einfach so beiseiteschieben und ad absurdum führen, sondern sich vielleicht doch einmal ernsthaft seiner Theorien zuwenden.

Mittwoch, 4. Dezember 2019

Brief eines Enkels

Brief eines Enkels an seinen Großvater im Pflegeheim, datiert auf den 29. Februar 2050

Mein lieber Großvater, als wir jetzt beim Packen unserer Umzugskisten waren, fielen mir einige verstaubte Zeitungen auf unserem Dachboden aus dem Jahre 2019 in die Hände und ich versank darin aus purer Neugier ins Lesen der damaligen Artikel. Je länger ich darin blätterte und las, umso nachdenklicher gestalteten sich meine Gedanken und in meiner Seele ballten sich immer deutlicher und spürbarer Wut und Ärger zu einem Vorwurf zusammen, der nun aus vielen Warum-Fragen besteht, die ich Dir gerne in diesem Brief stellen möchte.
Warum habt ihr damals die Warnungen von Klimaexperten nicht ernst genommen, die davon berichteten, dass es bereits zwei Minuten vor Zwölf sei, dem weiteren Leben auf unserem Erdball noch eine Chance einzuräumen? Und weiter: Schon damals herrschten in Teilen der Welt katastrophale Hitzeperioden von um die 45 Grad Celsius und in Deiner Heimatstadt Dresden war die Elbeschifffahrt wegen Niedrigwasser zum Erliegen gekommen. Jetzt liegen diese wundervollen Schaufelraddampfer schon seit einigen Jahren wegen der anhaltenden niedrigen Pegelstände auf dem Trockendock und ihre Betriebsamkeit ist uns eine alte Mär. Warum also habt ihr es geduldet, dass, statt den öffentlichen Nah- und Fernverkehr kostengünstig zu entwickeln, immer mehr Fahrzeuge auf euren Straßen zugelassen wurden? Auch die Kreuzfahrtflotte hat, wie man liest, zu unsinnigen Reisen die Weltmeere durchpflügt und mit ihren immer größer werdenden Pötten mit ihrem Schmutz und den Abgasen die Umwelt auf den Meeren belastet, von den für die einheimische Bevölkerung belastenden Touristenströmen in den Anliegerstädten einmal ganz abgesehen. Denn konsumiert wurde von den Passagieren vor allem auf den Schiffen und der tägliche Wechsel in ein anderes Land brachte ohnehin nur flüchtige Kenntnisnahme landestypischer Sehenswürdigkeiten und Gewohnheiten für die Touristen mit sich. Wenn ich schon den Konsum anspreche, warum ist euch eines Tages die Vernunft abhandengekommen, dass auch dem Wachstum Grenzen gesetzt waren, wenn es dazu Ressourcen bedurfte, die auf Zeit nicht unbegrenzt verfügbar waren? Wie ich gelesen haben, wurde schon von Deinen Zeitgenossen ein Mehrfaches dessen verbraucht, was nie wieder erhältlich sein wird. Warum also habt ihr diesen scheinbar grenzenlosen Konsum mit euren Bedürfnissen erwünscht, der letztendlich jener Logistik bedurfte, die ein Verkehrsnetz rund um den Erdball mit Schiffen, Flugzeugen und Lastkraftwagen spannte? Warum also mussten Früchte aller Herrenländer auf euren Tischen liegen, wenn es auf einen solchen energetischen Aufwand angewiesen war? Die Fahrzeugindustrie hat es euch gedankt, denn sie wuchs dank eurer ständig wachsenden Bedürfnisse nach immer neuen Innovationen ins Unermessliche und erstarkte zu einer Lobby, die wie ein Krake in allen Bereichen der Wirtschaft ihre Fänge ausstreckte, dass eines Tages nichts mehr ohne ihre Zustimmung geschehen konnte. Selbst die Politiker wurden zu ihrem Spielball und dafür mit hohen Einkünften und Pensionen versehen, dass ihre Entscheidungen niemals zum Nachteil von Wachstum und neuen Entwicklungen wurden. Wieder frage ich: Warum habt ihr Vertreter einer Demokratie gewählt, die Kraft ihrer Entscheidungsbefugnisse dazu in der Lage gewesen wären, einen Gemeinschaftssinn vor das Gewinnstreben zu setzen und statt Kapitalrendite zum alles entscheidenden Streben zu machen und stattseiner der Vernunft Tür und Tor zu ihrer Verbreitung aufzureißen? Und versagt haben die gleichen Volksvertreter, als es darum ging, der zweiten großen Lobby, der Pharmaindustrie, in ihrem Gewinnstreben Einhalt zu gebieten. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass technischer Fortschritt nicht nur ein Segen für die Menschheit ist, sondern auch zum Leid geraten kann, wenn man Gewinnstreben vor eine vernünftige Lebenserhaltung setzt. Das Ergebnis erlebst Du am eigenen Leibe und in Deinem Umfeld, wo immer mehr Menschen aufgrund ihrer künstlich erzeugten Lebensdauer auf Pflege angewiesen sind. Gesundheit ist schon vor vielen Jahren zu einem maßlosen Geschäft geworden, wo nicht allein nur die Lebenserhaltung, sondern Auslastung von Krankenbetten und Dotierungen das Maß aller Dinge geworden sind. Eine letzte Frage habe ich noch an Dich, mein lieber Großvater, der Du so viel Lebenserfahrung gesammelt hast: Warum setzt der Mensch, der sonst so ängstlich auf seine Sicherheit und Vorsorge bedacht ist, seine Lebensgrundlage, die Natur dieser wundervollen Erde, aufs Spiel, wenn ihm doch eine Intelligenz gegeben ist, kleinste Elementarteilchen sichtbar zu machen und dabei das Große und Ganze seiner Umwelt aus dem Auge zu verlieren? Wenn es dem Affen gegeben wäre, mit einem Werkzeug den Ast, auf dem er sitzt, abzuschneiden, er würde es nicht tun.
(2019)

Buchempfehlungen IV

15. Dezember 2019

Buchempfehlung: - 21

Hermann Kant – Die Aula
Rütten & Loening Berlin 1973 – 17. Auflage – 463 Seiten
Der ehemalige ABS (Arbeiter und Bauern Fakultät) Absolvent Robert Iswall erhält von dessen Direktor ein Telegramm, worin ihn dieser bittet, zu einer Abschlussfeier (die ABF wird geschlossen) ein Rede zu halten. Diese Aufforderung setzt in dem ehemaligen Absolventen Erinnerungen in Gang, die seine Zeit vor und in dieser Fakultät beschreiben.
Mit dem Fortschreiten der Geschichte entblättert sich ein Panorama aus den Gründerjahren der DDR mit brillanten Dialogen, die allein schon eine Freude zu lesen sind. Kant fabuliert ausschweifend aber nie langweilig und langatmig. Ein Könner vor dem Literarischen Herrn. Seine Verfemung in der Nachwendezeit steht ein Wortkünstler entgegen, wie sie kaum ein zeitgenössischer Autor erreicht hat. Das Buch liest sich kurzweilig und ist für all diejenigen vor allem interessant, die an der deutschen Sprache mehr als nur Alltagsreplik sehen.
Auch die Schule wird in diesem Buch wieder lebendig, wenn Jakob Filter rechnet: „Wenn neun Frauen zur Herstellung von achthundertundzehn Pulswärmern sechzehnhundertundzwanzig Strickstunden benötigen, wieviel Pulswärmer werden dann von siebenundsiebzig Frauen in einhundertundsechsundzwanzig Strickstunden hergestellt.“
Gleichzeitig zur DDR-Frühgeschichte erlebt Robert Iswall 1962 als Journalist in seiner Heimatstadt Hamburg, Situationen in der aufstrebenden Bundesrepublik, in denen er seinen Gedankenanspruch zur sozialistischen Gesellschaft zu behaupten sucht. Er besucht dort unter anderem seinen Zimmergenossen Quasi, der in Hamburg eine Kneipe betreibt, und lernt von ihm, wie mit jener Wortfloskel, „Ihr da drüben,“ auch verbal ein Keil zwischen die beiden deutschen Staaten getrieben ist.
Zum Schluss und am Ende seiner Erinnerungskette, erfährt Robert Iswall, dass man von seinem Beitrag, einer Rede zur Abschlussfeier der ABF in Greifswald, Abstand nimmt.


04. Dezember 2019

Buchempfehlung: - 20
Theodor Storm – Der Schimmelreiter
Reclams Universal-B., Nr. 6015/16 1944 – Auflage k.A. – 157 Seiten
Theodor Storm verarbeitet mit diesem Text eine Sage aus Friesland um einen Deichgrafen.
Die Geschichte behandelt den Aufstieg von Hauke Haien vom Kleinknecht bis zum Deichgrafen. Mit dem Erbe seiner künftigen Frau Elke Volkerts und weitreichenden Plänen will er seinen Grundbesitz durch die Schaffung neuer Deiche vergrößern.
Auf einer kleinen Halig liegen zahlreiche Schafsgerippe, aber auch das eines Pferdes, was eines Tages auf geheimnisvolle Weise spurlos verschwindet. Zeitgleich erwirbt der neuen Deichgraf Hauke von einem Vagabunden einen klapprigen Schimmel, den er pflegt und dass unter seinen Händen zu einem vollwertigen Pferd gedeiht. Doch reiten lässt es sich nur von seinem Herrn, weshalb ihm ob seiner Wildheit teuflische Eigenschaften angedichtet werden.
Ein neuer Deich wurde mit den Berechnungen und unter der Leitung des neuen Deichgrafen Hauke Haien errichtet. Viele der Landbesitzer jenseits der Deiche waren wider dem Deichgrafen und machten ihm die Arbeit am neuen Deich schwer. Unvollendet blieb der neue Deich bis zur Jahresfrist und man überließ ihn der göttlichen Fügung, wie das Bauwerk wohl die Winterstürme überleben werde. Um die Zeit wurde ihm nach neun Ehejahren endlich durch seine Frau Elke ein Kind geboren. Doch schon nach drei Tagen erkrankte die Wöchnerin und Hauke rief mit sonderbaren Worten, dass zwar auch ein Gott nicht alles würde fügen können, den Herrn um seine Hilfe an. Frau Elke genas bald darauf, doch dem Hauke hing man widernatürliche Kräfte an, die auch mit seinem Schimmel zu tun hatten.
Nach Jahr und Tag geschah es, dass nach den Vorberechnungen des Deichgrafen der alte Deich bei einer Sturmflut doch brach und er selbst und seine Familie dabei ums Leben kamen. Tage danach war plötzlich wieder ein Pferdegerippe auf der Jeverhalig zu bestaunen. Eine schöne alte Mär, doch ist aus der Sage eine bittere Wahrheit geworden. Die Natur hat sich mit dem Althergebrachten (die alten Deiche) angelegt und sie zerstört und auch die neue Landnahme (neue Deiche von Hauke Haien) in Mitleidenschaft gezogen. Man könnte darin ein Gleichnis zur heutigen Zeit erkennen, wenn die Menschheit an Systemen festhält, die selbst der Natur ein Dorn im Auge sind.

Mittwoch, 6. November 2019

Buchempfehlungen III

29. November 2019

Buchempfehlung: - 19

Ernest Hemingway – Der alte Mann und das Meer
Reclams Universal-Bibl., Nr. 32 1975 – 4. Auflage – 97 Seiten
In den frühen Morgenstunden rudert ein alter Mann zum Fischen hinaus aufs Meer. Mehrere Angelleinen, die er mit Ködern von Sardinen ins Wasser versenkt, sollen ihm endlich den lang ersehnten großen Fisch an die Leine bringen. „Das wofür ich geboren bin. Vielleicht ist ein Großer in der Nähe des Schwarms,“ denkt er laut und führt, wie er es früher schon so oft getan hatte, Selbstgespräche.
Dann geschah es plötzlich, seine Leine straffte sich und als nach einem weiteren Tag, an dem er mit dem Fisch gekämpft hatte und dieser an der Wasseroberfläche erschien, sah er, dass es ein Schwertfisch, größer als sein Boot, mit dem er um sein Leben rang. Der alte Mann war an diesen Fisch gekettet, der von seiner verletzten Hand gehalten und von ihm durch das Wasser gezogen wurde.
„Wie geht es dir Fisch?“ fragte er laut. „Mir geht es gut, und meiner linken Hand geht es besser, und ich habe genug zu Essen für eine Nacht und einen Tag. Zieh das Boot, Fisch,“ lautete einer der Monologe, die der alte Mann mit sich führte.
Schließlich besiegte der alte Mann den großen Fisch und fühlte sich für eine kurze Zeit als Sieger. Auf seinem Weg in den Hafen wurde er aber von etlichen Haien angegriffen, die all seine Hoffnungen auf einen Triumph zunichtemachten. Eine Geschichte wie aus dem wahren Leben, in dem das Gute und Schlimme, Begeisterung, Bedauern und Sorge so eng beieinander liegen oder schwimmen. Vom Umfang ein eher kleines, ist es aber vom Inhalt ein großes Stück Literatur.


27. November 2019

Buchempfehlung: - 18

Christa Wolf – Kassandra
Aufbau Verlag Berlin-Weimar 1983 – 1. Auflage) – 349 Seiten
Kassandra, die Tochter des trojanischen Königs Priamos und der Hekabe, war vom Gott Apollon wegen ihrer Schönheit mit der Gabe der Weissagung gesegnet worden. Da Kassandra auf die Verführungen des Gottes nicht eingegangen war, hatte über er sie den Fluch der Ungläubigkeit verhängt. Sie gilt damit als tragische Figur, die Unheil voraussagte aber, bei niemandem Gehör fand. Christa Wolf versucht mit ihrem Buch in vier Vorlesungen, diesem Schicksal auf die Spur zu kommen. In der den ersten beiden Vorlesungen wird von ihr von einer Griechenlandreise berichtet, bei der sie die Orte besucht, die im Literatur-Leben der Kassandra eine Rolle gespielt haben. Aug Knossos besucht den zerstörten Palast der Minoer, ein Volk, dass es nie gegeben haben soll. „Alles, was wir nicht leisten können, sollte ihnen möglich gewesen sein, Sinn in der Arbeit finden, eingebunden sein in eine soziale und religiöse Gemeinschaft, ohne sich selbst dabei auf automatische Funktionen reduzieren zu müssen, gewaltfrei nach innen, gewaltfrei nach außen zu leben – eine Insel der Vollkommenheit,“ beschreibt die Autorin ihren dortigen Besuch.
Die vierte Vorlesung beinhaltet die Erzählung um die literarische Figur Kassandra, die ein Konvolut aus vielen mythologischen Personen darstellt und versucht den Werdegang von Kassandra über ihre Kindheit, dem Erhalt ihrer Sehergabe durch die Spucke von Apollon, bis hin zur Schilderung des von ihr prophezeiten Betruges der Griechen mit dem Pferd, dass schließlich den Untergang von Troja besiegelt. All das liest sich ein wenig mühselig, vor allem, wenn man nicht so sehr in der griechischen Mythologie bewandert ist.


20.November 2019

Buchempfehlung: - 17

André Hope – Der Seelenwurm
Bibliophiler Privatdruck, 2019, 1. Auflage – 552 Seiten
Die Aufzeichnungen eines alten Narren, wie der Untertitel des Buches lautet, vereinen in sich einem Almanach vergleichend, unterschiedliche Genres schriftlicher Gestaltung. Neben kleinen Geschichten, Essays, Fragmenten und Bemerkungen zum aktuellen Tagesgeschehen, enthält das Buch auch einem Roman über das Schicksal eines Paares. Die Grundstimmung dieser Texte ist ein Abbild nicht eines Einzelschicksals, sondern sucht einen Zeitgeist zu beschreiben, der heutigen Tags so viele Fragen aufwirft. Aber in erster Linie ist es ein lebendiges Buch, dessen Inhalte dem Menschen André Hope wie ein Wurm an der Seele nagen und der mit dieser Niederschrift von Erkenntnissen, satirischen Anmerkungen, zerspellten Hoffnungen und offenherzigen Wünschen seinem Herzen Luft gemacht hat. Es ist ein unvergleichliches Buch, für das es keine Vorbilder gibt und sich damit auch keinem Genre zuordnen lässt. Am ehesten, wird es vielleicht einem Buch über das Schicksal der Liebe gerecht, wie sie in der Titelgeschichte Der Seelenwurm als eine in Gefahr geratene Kategorie menschlichen Verhaltens geschildert wird. Diesem Schicksal zu begegnen, wird von mir jedem Leser als eine Empfehlung ans Herz gelegt.


18.November 2019

Buchempfehlung: - 16

Heinrich Böll – Ansichten eines Clowns
Insel Verlag Leipzig 1990 – 1. Auflage (DDR) – 287 Seiten
Hans Schnier, der Protagonist dieses Romans ist ein verlorener Sohn einer gut begüterten Familie, der allerdings aus der Art schlägt und als Clown durch die Welt tingelt. Als er seine Freundin an einen anderen verliert, verliert er auch sich und seine bisherigen Ideale eines freiheitsliebenden Menschen.
Mit nur noch einer Mark in der Börse, beginnt Hans Schnier alle seine Freundinnen, Freunde, Bekannte sowie seine Eltern um finanzielle Unterstützung anzubetteln. Damit wird ein gesellschaftliches Panoptikum geschildert, in dessen Mittelpunkt eine aufmüpfige Haltung zum Katholizismus steht.
Das Buch ist durchaus lesenswert, doch hat Heinrich Böll bestimmt noch bessere Bücher geschrieben.


14. November 2019

Buchempfehlung: - 15

Gustav Meyrink – Der Golem
Verlag Neufeld & Henius Berlin -o.J. – Auflage k. A. – 304 Seiten
Alle 33 Jahre wandelt eine Gestalt mit gelblichem Gesicht und dem Aussehen eines Mongolen durch die Gassen des jüdischen Stadtteiles von Prag und ist plötzlich immer wieder verschwunden. Nachdem Meister Pernath einige seltsame Begegnungen, Träume und Erlebnisse hatte, findet er eines Tages unter der Falltür in einem Atelier einen unterirdischen Gang, der scheinbar im Judenviertel verläuft. Er gelangt von dort in ein Gebäude, von dem es heißt, dass in diesem, jedes Mal nach seinem plötzlichen Erscheinen, der Golem verschwand.
Es ist insgesamt ein sonderbares Buch mit vielen überraschenden Wendungen, einem Somnambulen gleich, der wie im Schlaf, traumwandlerische Erlebnisse hat. Das Übersinnliche spielt darin gleichsam ein Rolle, wie das Phantastische seine Ausdruck findet. Der Golem selbst taucht mehr im Hintergrund auf, was mich ein wenig enttäuschte.
Alles in allem nicht unbedingt eine Empfehlung, aber auch von solchen Büchern soll in meinen Beiträgen die Rede sein.


10. November 2019

Buchempfehlung: - 14

Sarah Kirsch – Die Pantherfrau
Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1974 – 2. Auflage – 133 Seiten
Das Buch der Edition Neue Texte habe ich eines Tages in meiner Bibliothek wiederentdeckt. Und es lag auch noch der alte Kassenzettel vom Haus des Buches Dresden in dem Exemplar. Wir danken für ihren Besuch und dass es 4,50 Mark kostete, steht gedruckt auf dem kleinen Zettel.
Aus den fünf Geschichten, die Sarah Kirsch mit ihrem Kassettenrecorder aufgenommen hatte und die von unterschiedlichen Lebensläufen von Frauen erzählen, weht ein seltsam vertrauter Wind einer Zeit herüber, die es heute nicht mehr gibt und die aber dennoch in vielen Menschen dieses Landes noch lebendig ist und vielleicht für immer bleibt. Jetzt, nach dreißig Jahren der Beendigung der Teilung Deutschlands, kann man diesen Vorgang der Vereinigung zweier unterschiedlicher Länder und Wirtschaftssysteme voll umfänglich verstehen, denn wir haben ihn mit all seinen Vor- und Nachteilen kennengelernt. Seltsam ist, dass bei aller Fortschrittlich- und Weltöffentlichkeit für die ehemaligen Bürger der DDR ein vertrautes Gefühl der Geborgen- und Sicherheit zurückbleibt, dem man sich gerne zurückerinnert. Das Lesen in solche einem, wie dem vorliegendem Buch, birgt ein Heimatgespür in sich, das nie vergehen wird. Ein junger Mensch, der in den letzten dreißig Jahren groß geworden ist, wird das nicht verstehen.


06. November 2019

Buchempfehlung: - 13

Valentin Rasputin – Abschied von Matjora
Verlag Volk und Welt Berlin -1979 – 1. Auflage – 300 Seiten
Das Buch gehörte seinerzeit zu den meistdiskutierten Werken in der ehemaligen UdSSR. In meinem Tagebuch vom 11. Februar 1980 heißt es zu dazu: Es ist ein gewaltiges Buch, gewaltig deshalb, weil es ein Thema aufgreift, das an der Seele nagt. Der Mensch als Untertan seiner eigenen Macht, als Geprügelter seines geschaffenen Fortschrittes. Das wurde noch nicht oft so gesagt. Bisher hat man darüber schlechthin hinweggesehen und es als Notwendigkeit einer Entwicklung behandelt, ohne das Tiefste im Menschen, seine Seele, zu berücksichtigen. Der Autor lässt auch den Fortschritt immer wieder auf seelische Vorgänge prallen, ohne sich auf dieses oder jenes festzulegen. Das ist nur allzu richtig, denn was das Buch ausmacht, lässt sich nicht auf eine einfache Formel reduzieren.
Nun nach fast vierzig Jahren ist der Fortschritt förmlich „explodiert“ und infolge der weltweiten Landnahme durch Überschwemmungen, Brand- und sonstige Rodungen ist der Zustand unseres Erdballs in eine mehr als bedenklichen Lage seines Fortbestehens für die Menschheit gerückt. Das Buch erzählt von der Räumung eines Dorfes, dass in Folge der Errichtung eines Staudammes überflutet werden soll. Dazu müssen auch die alten Gräber, als Säuberung des Überflutungsgeländes, beseitigt werden. Den Menschen wird dadurch die Pilgerstätte zu ihren Toten und ein Weiheort ihres Glaubens entfremdet. Aber es ist erst der Beginn einer rigorosen Seelennahme, bei der nicht mehr der Mensch, sondern nur noch der Fortschritt zählt und dieser verbraucht für seine Entwicklung viel Grund und Boden.
Im Buch heißt es weiter: „Du denkst wohl, weil du ein Mensch bist, gibt’s nichts, was du nicht kannst.“ Und die achtzigjährige Bauersfrau Darja fährt fort, erzählt und fasst damit den Tenor dieses Buches zusammen: „Die Erde hier gehört doch allen Menschen - …Wir haben unsere Matjora bloß zur leihweisen Benutzung bekommen, damit wir sie hegen und pflegen mit gutem Nutzen und dass sie uns ernährt. Und, was habt ihr damit angerichtet? Die Älteren haben sie euch anvertraut, auf dass ihr euer Leben drauf zubringt und an die Jüngeren weitergebt. Die sind’s, denen ihr Rede und Antwort stehen müsst, später.“
Beklemmend dann abschließend zu lesen, wie die achtzigjährige Bäuerin ihr Häuschen innen noch weiß anstreicht und so zum Abbrennen herrichtet. Ein Gleichnis ist vielleicht die weiße Farbe.

Freitag, 18. Oktober 2019

Buchempfehlungen II

30. Oktober 2019

Buchempfehlung: - 12
Jean-Paul Sartre – Der Ekel
Aufbau Verlag Berlin und Weimar -1982 – 1. Auflage – 256 Seiten
Mir selbst ist es gelegentlich auch schon so ergangen, dass ich der Meinung war, mein Leben spielt sich vor tausenden Zuschauern auf einer großen Bühnen ab. Sartre schildert das so, dass man als Mensch von seinen und den Geschichten anderer umgeben ist und man sein Leben so lebte, als ob man es erzählte. „Aber man muss wählen: leben oder erzählen.“ Und Sartre erzählt, und wie, das Buch saugt seinen Leser förmlich in den Text hinein, so detailgetreu formuliert er seine Beobachtungen, oder besser die, die der Protagonist Antoine Roquentin in seinem Tagebuch niederschreibt. Es ist ein Text, der den Versuch unternimmt, sich als Mensch mit seiner Existenz zu begreifen: „Ich bin es, der mich aus dem Nichts zieht,“ heißt es an einer Stelle und sein Bezug auf den Text, den er über jenen Rollebon schreibt, heißt es stellvertretend weiter: „er braucht mich, um zu sein und ich brauchte ihn, um mein Sein nicht zu fühlen. Ich lieferte das Rohmaterial, dieses Material, von dem ich mehr als genug hatte, mit dem ich nichts anzufangen wusste: die Existenz, meine Existenz. … Seine Rolle war es, darzustellen. Er stand mir gegenüber und hatte sich meines Lebens bemächtigt, um mir das seine darzustellen. Ich merkte nicht mehr, dass ich existierte, ich existierte nicht mehr in mir, sondern in ihm; für ihn aß ich, für ihn atmete ich, jede meiner Bewegungen hatte ihren Sinn außerhalb.“ Das Buch atmet davon, alles Gegenständliche und Geistige in Frage zu stellen und es hat bei Sartre den Anschein, dass er die Welt der Literatur, der Künste und Philosophie, also die bereits vorgeformte und durchdachte Welt, der realen vorzog.
Und es ist gelegentlich von einem Autodidakten die Rede, einem Humanisten, von dem die Menschen nichts mehr wissen wollen, der guten Willens ist, Träume von Bildung und Einvernehmen hat, aber an seiner Einsamkeit erstickt. Er ist das Pendant zu Antoine Roquentin, mit dem er lange Gespräche in einem Café führt, als wären es die Selbstgespräche eines Menschen, der nach dem Sinn seines Lebens sucht.


28. Oktober

Buchempfehlung: - 11
Günter de Bruyn – Neue Herrlichkeit
Mitteldeutscher Verlag Halle -1985 – 2. Auflage – 216 Seiten
Ein Buch, dass von einem Zeitgenossen aus den oberen Schichten der DDR-Ära erzählt, der als Sohn eines Ministers, Victor in der Erzählung benannt, einen mehrmonatigen Aufenthalt in der Pension „Neue Herrlichkeit“ verbringt, um dort an seiner Doktor zu schreiben. Von einem einvernehmlichen Charakter geprägt, der jeglichen Konflikten aus den Wege geht und dem mit seinen Mitmenschen ein friedliches Nebeneinander zu leben seinem Charakter eigen ist, scheut dieser Zeitgenosse jedoch jegliche Verantwortung, die sein fades Leben gefährden könnte. Das Interesse von Victor, der sich von seiner Doktorarbeit mit allen nur denkbaren Entschuldigungen ablenken lässt, gilt hingegen ausschließlich dem Stubenmädchen Thilde, der er schließlich die Hochzeit verspricht, aber seine Pläne nicht ohne die seiner hochangesehenen Vaters, schmiedet. Er wird von ihm kurzerhand ins Ausland beordert, was der Beziehung zu Thilde ein jähes Ende bereitet.
Man könnte in dieser Erzählung die Schilderung eines passiven Verhaltens von Menschen wähnen, die an der Enge ihres Lebens ersticken. In der dementen Tita, der Großmutter von Thilde, kann man ein Gleichnis vermuten, dem mit den Praktiken in einem Pflegeheim ein trauriges Denkmal gesetzt wird.


22.Oktober

Buchempfehlung: - 10
Denise Diderot – Die Nonne
Rütten & Loening Berlin -1978 – 1. Auflage – 242 Seiten
Erzählt wird vom Schicksal einer Tochter Suzanne, die als ein uneheliches Kind aus der Familie verbannt und in ein Kloster geschickt wird. In einem Brief ihrer verstorbenen Mutter erfährt sie nichts über ihren leiblichen Vater und muss stattdessen die Klage ihre Mutter vernehmen, dass ihre uneheliche Geburt die einzige große Schuld ihres Lebens gewesen sei. Und sie bittet ihre Tochter für sie im Kloster zu beten, dass Gott ihr möge zu helfen, den Fehler sie in die Welt gesetzt haben, zu büßen. Sie soll zudem ihre Familie in Frieden und das Kloster nie verlassen. Gott, der alles sieht, wird in seiner Gerechtigkeit der Mutter alles Gute und Böse anrechnen, was Suzanne im Kloster tun wird. Soweit die ihr aufgeladene Bürde, mit der der Leidensweg der Tochter durch die Klöster beginnt. Mit der Oberin Saint-Christine begann dieser Leidensweg, der von boshaften Schikanen begleitet wurde. Das Leben der Nonne Suzanne ward eine Kette von wahren und erfundenen Beschuldigungen und Strafen. Und das Buch entwickelt sich von diesem Zeitpunkt an, zu einer aufrichtigen Abrechnung des religiösen Glaubens. Was hat die Kirche in der Zeitgeschichte für furchtbare Zustände unter das Volk gebracht und man meint im Schicksal der Nonne Saint-Suzanne, diese Vorgänge personifiziert zu sehen. Während in diesem Kloster die Menschlichkeit für die Nonne erstarb, traf sie nach ihrer Versetzung in ein anderes Kloster in der Person der Oberin auf den Teufel der Lust, die ihr die Sprache der Sinne beizubringen sich anschickte. Im Verlaufe ihrer Anwesenheit lernt die Nonne die Launen ihres Körpers, aber auch den Wahnsinn kennen, der aus unerfüllte Liebe und Zuneigung aus dem Menschen ein geistiges Wrack macht. Ein Leben zwischen Leid und Lust.


20.10.19

Mal zwischendurch aus gegebenem Anlass

Saša Stanišič-Herkunft
Luchterhand Verlag, 2019, 5. Auflage 365 Seiten
Nur zu dem Zweck, die Gegenwartsliteratur am Beispiel des Preisträgers des Deutschen Buchpreises einzuschätzen, habe ich dieses Buch gekauft. Leider bewahrheitet sich die Aussage von Maxim Biller, dass sich die Gegenwartsliteratur verändert hat.
Schon auf den ersten Seiten finde ich wenig literarisches, hingegen störende Fremdworte (Konsens, Provenienz) die in einem literarischen Text nichts zu suchen haben. Und was witzig daran sein soll, einen Dr. Heimat zu postulieren, „dem Vater meiner ersten Amalgam-Füllung“ kann ich auch nicht nachempfinden. Satzgefüge wie „Ich hin, aufgeregt …“ sind mir ebenso befremdlich wie die Wortkonstruktion „Englischlehrerinnenkuchen“ und wenn dann in einem Text auf eine spätere Seite verwiesen wird, wie das in diesem Buch mehrfach geschieht, dann ist mein Interesse an diesem Buch im Grunde genommen schon erschöpft. Es ist alles in allem das Beispiel einer Gegenwartsliteratur, die mich ewig Gestrigem abstößt und der in einem Buch einen ausgewogenen Sprachgebrauch erwartet. In jener hier in diesem Buch angewandte, abgehakte, von Gedankensprüngen durchwachsene Ausdrucksweise, fehlt mir die Harmonie und darüber hinaus ein wenig Spannung. Der Text plätschert dahin. Es ist wohl nicht zu viel verlangt, wenn ich für ein Buch schon meine Zeit opfere, dass es mir etwas gibt, womit meine Seele zufrieden ist. Ich muss wohl damit leben, dass die neuzeitliche Literatur mein Geschmack nicht mehr ist. Es soll zudem dies kein Verriss, aber auch keine Empfehlung sein. Jede Zeit hat ihre Leser, sagt man, aber auch ihre Autoren. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bei der Vergabe des Deutschen Buchpreises noch etwas anderes eine Rolle gespielt haben muss.



18. Oktober 2019

Buchempfehlung: - 9
Franz Werfel – Der Abituriententag
Aufbau Verlag Berlin u. Weimar -1965 – 1. Auflage – 275 Seiten
Die Schilderung eines späten Klassentreffens ist eine Genusslektüre, wenn einer der Beteiligten feststellt, dass erst die Zeit allein das wahre Talent zur Reife bringt. Aus Kindern wurde eine Zweiklassengesellschaft, deren Mitglieder sich seltsam zueinander hingezogen fühlen, Eitelkeiten, wichtigtuerische Einfalt oder brütende Schlaffheit an den Tag legen. Man prahlt und schwindelt, was die Gedanken hergeben und wäre da nicht der eingebildete Jurist Doktor Ernst Sebastian, der einen Mitschüler zu verurteilen hat und an seinem Schicksal die Fassade einer Gesellschaft aufblättert, dann wäre das Hohle einer solchen Zusammenkunft schon hinreichend charakterisiert.
Aber die Handlung wendet sich, als der Rechtsanwalt Sebastian, vom Abituriententreffen nach Hause zurückgekehrt, sich an seinen Schreibtisch setzt und seine Jugend schriftlich aufarbeitet. Nach und nach entwickelt sich dabei die Erkenntnis, dass aus dem einst erfolgreichen Mitschüler Franz Adler ein Verbrecher wurde, während aus dem Betrüger Ernst Sebastian, der sich Plagiate für seinen Ruhm bediente, ein Rechtsvertreter geworden war. Es ist dies die fiktive Aufarbeitung einer Jugendschuld, die eine frappante Aufklärung nimmt, bei der Sebastian einen der unwiederholbaren, unwiedervorstellbaren Augenblick unseres Daseins erlebt, in denen es zur Zündung kommt zwischen Gott und Mensch. Man sollte sich seines Verhaltens immer eingedenk sein, denn manchmal holt uns die Gegenwart in die Vergangenheit zurück.