Donnerstag, 28. Juli 2016

Bibliophiles - 11

Lesen

Sich auf einen fremden Text einlassen ist die originäre Ausdrucksform einer Tätigkeit, die dem Menschen seit Urgedenken eigen ist oder war?

Im Insel-Almanach auf das Jahr 1909 habe ich einen Beitrag von Hugo von Hofmannsthal über Balzac gefunden, der sich mit dem Lesen beschäftigt. Er schreibt: "...Wo immer sie (in seinen Büchern) aufschlagen, bei einer Abschweifung über Wechselrecht und die Praktiken der Wucherer, bei einem Exkurs über legitimistische oder liberale Gesellschaft, bei der Schilderung eines Kücheninterieurs, einer ehelichen Szene, eines Gesichtes oder einer Spelunke werden sie Welt fühlen, Substanz, die gleiche Substanz, aus der das Um und Auf ihres Lebens gebildet ist. Sie werden unmittelbar aus ihrem Leben in diese Bücher hinüberkönnen, ganz unvermittelt, aus ihren Sorgen und Widerwärtigkeiten heraus, ihren Lieblingsgeschichten und Geldaffären, ihren trivialen Angelegenheiten und Ambitionen."


Dieser Absatz enthält alles, was das Lesen bewirkt und enthüllt - eine imaginäre Substanz, die zu Fantasien befähigt und den geistigen Horizont erweitert. Der Kopf braucht es, will in ihm nicht die Kraft zur Orientierung versiegen.
Ich halte es für gefährlich, sich diesem Tun zu versagen und nur noch der kontrollierten Bildsprache der Medien Glauben und Anleitung zum Alltag zu schenken. Man verlernt das Nachdenken, eine Fähigkeit die Programmierer nur zu gut beherrschen. Ein gutes Buch, auch eines der klassischen Autoren wie Balzac, ist die beste Medizin für einen geruhsamen und unverfänglichen Feierabend.

Mittwoch, 20. Juli 2016

Bibliophiles - 10

Vom Wandel und Werdegang einer Zeitschrift - Philobiblon

Der erste Jahrgang dieser renommierten Zeitschrift für Bücherfreunde erschien unter dem besagten Titel im April 1928 bei Herbert Reichner in Wien.



Im Mitteldeutschen Rundfunk heißt es im Jahre 1933 über die Zeitschrift: "Der echte Bibliophile wünscht sich eine Zeitschrift, die nur ganz kurze Aufsätze und vor allem interessante Neuigkeiten über Sammler, Sammlungen, sonderliche Werke, seltene Unica und vielleicht ein bisschen aus der - chronique scandaleuse des bibliophiles - enthält. Herbert Reichner in Wien hat es auf eine wirklich sehr geschickte Weise verstanden, in seiner seit 1928 erscheinenden Monatsschrift PHILOBIBLON eine Art laufender Chronik über das weite Gebiet alter und neuer Bibliophilie zu schaffen. Es ist amüsant durch die Fülle der Notizen. Der Leser braucht sich nicht anzustrengen, er erfährt alles, was er wissen will, in knappster und doch erschöpfender Form. Er reist mit seinem Reiseführer auf bequemste Weise durch das Land Bibliophilia. Die Herausgabe einer solchen Zeitschrift ist eine Leistung." So Dr. Julius Rodenberg.
Als das letzten Hefte im Verlag von Herbert Reichner erschien mit dem 9. Jahrgang, 1936, das Heft 7/8.



Das 9. Heft des 9. Jahrgangs wird erst im Herbst 1937 bei Rudolf Rohrer in Brünn, Leipzig und Wien verlegt. Dort erschienen auch noch die Jahrgänge 10 und 11 bis zum Heft 6. Ab Heft 7 des 11. Jahrgangs wechselte die Herausgabe an Johannes Asmus nach Leipzig, wo auch noch der abschließende Jahrgang 12 bis zum Heft 10, 1940, eine verlegerische Heimstatt fand.

Bibliophiles - 9

Papierliebhaber

"Wir machen die Sachen, die nimmer vergehen,
Aus Tüchern die Bücher, die immer bestehen,
Wir schikken zu drükken den Drukkern von hier,
Die geben das Leben dem toten Papier, ..."

Auszug eines Verses von Michael Kongehl, Königsberg i. Pr. 1685

"Der Künstler, er sei Dichter, Maler oder Grafiker, wird Stellung zu nehmen haben zu dem Stoff, welcher der Träger seiner Gedanken ist; er wird ihn lieb gewinnen und zu schätzen wissen wie einen Kameraden, an den ihn Schicksal und Neigung binden. So können wir es häufig erleben, wie die geheimnisvolle Liebe zum Material im Werk des Schaffenden melodisch mitschwingt und nachklingt." - schreibt Armin Renker in einem Beitrag zum Philobiblon, 8. Jg. Heft Nr. 1 aus dem Jahre 1935.
Hermann Hesse ist nur ein Beispiel eines solchen Künstlers, der ein besondere Anziehung zum Papier empfand und es wird im nachgesagt, dass er eine reichhaltige Sorten-Sammlung sein Eigen nannte, wenngleich das Urmanuskript des Steppenwolfs auf vielfältigen Papierresten, wie Hotel-Rechnungen oder sonstiger geschäftlicher Korrespondenz seine Niederschrift fand. Aber auch diese Eigenart zeugt von der Achtung des Autors gegenüber dem Papier, das geläufig nur einseitig oder zu schnell der runden Ablage anvertraut wird.


Armin Renker, aus dessen Buch, "Das Buch vom Papier", die obigen Abbildungen stammen, hat 1934 ein wundervolles Buch über das Papier geschaffen, das zu Lesen einem Bücherliebhaber das Herz öffnet und dem Material, aus dem die Gegenstände seiner Verehrung geschaffen sind, wieder Ehrerbietung in Erinnerung bringt. Auch mir macht es gelegentlich Freude, besondere Papiere für meine Korrespondenz zu verwenden, und ich bedauere es sehr, dass ich zum Beispiel meinen Hefte der "Einbogendrucke" nicht habe in ein besseres Kleid geben können, weil die Verlagsauswahl mir dies nicht anbietet. Bibliophiles Gedankengut hätte bibliophilen Geschmack verdient.

Freitag, 15. Juli 2016

Werkstattnotizen - 16

Kaleidoskop einer Leidenschaft - 2

Alle Felder im Kaleidoskop sind nunmehr mit Merkmalen einer Leidenschaft befüllt. Die Erzählung 9 ist in Arbeit und die Beendigung des Projektes mit den Feldern (Heften) 10 -12 für Ende September geplant. Leider wird es aus Kostengründen keine limitierte Vorzugsausgabe in Form von signierten Kapitelheften mehr geben. Mit Heft 7 wurde dieses Vorhaben eingestellt.


Dieses Projekt am Beispiel eines Bücherliebhabers ist der Versuch, an Hand von Geschichten (hier Erzählungen aus der Welt der Bücher) die Eigenarten leidenschaftlicher Regungen zu beleuchten. Es ist mit dieser Art Seelenhaltung etwas Eigenes, dass bei unseren Mitmenschen oftmals auf Unverständnis, Verwunderung oder Spott trifft. Ob es sich dabei um ein Hobby oder die Ausprägung spezifischer Fähigkeiten, wie im Sport oder im Beruf handelt, immer sind es mehrere Faktoren, die zu den Eigenheiten führen, die diese Menschen in ihrem Tun als außergewöhnlich erscheinen lassen. Es ist manches Eigenwillige dabei, aber auch allerlei Liebenswertes und Verrücktes. Mögen die kurzweiligen Geschichten dazu beitragen, Menschen etwas besser zu verstehen.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Bilanz

Keine verhagelte Bilanz

Nichts bleibt wie es ist, bedeutet wohl die bitterste Erkenntnis, die wir aus dem Verlauf unseres Lebens ziehen. Oder positiv ausgedrückt, Veränderungen sind das einzig Zuverlässige, das sich im Leben ereignet. Unser Auge schaut derweil gleichgültig zu und versenkt derweil Bilder in unser Gedächtnis, deren wir als Einzige zum vergänglichen Lebensgang habhaft werden. Da schaue ich auf die erste Bücherwand, gefertigt von der Hand meines Vaters, die sich langsam mit Beständen füllt, dann ihren Weg über eine nächste Wohnung bis ins eigene Haus nimmt und dabei zunehmend von weiteren Regalen begleitet wird. Auch sie bleiben nicht lange leer und ergeben bald eine stattliche Privatbibliothek. Doch dann kommt der Tag, an dem sie ausgebaut, die Bücher in scheinbar unzählige Kisten verpackt, ihre Reise in ein nächstes und bald darauf weiteres Ziel antreten. Inzwischen sammeln sich Lebensjahre zu einer würdigen Zahl, die den Beginn des letzten Daseinsabschnittes einleitet. Erloschen sind inzwischen die Bemühungen zur Mehrung der Buchbestände, denn am Horizont zeichnen sich Einschränkungen ab, die eine Auswahl der vorhandenen Bücher bedeuten. Und so kommt, was vor Zeiten für einen Bücherliebhaber undenkbar, Bände werden aus dem Katalog ausgetragen und wandern ab über den Postverkehr und andere unsagbare Wege. Es ist ein Abschied in bitteren Raten, weil Niemand ein Interesse an den begleitenden Lebensumständen hat und so erweist die bittere Lebenserfahrung ihre widerliche Bestätigung, dass wir im Grunde genommen allein und ohne Bedeutung sind. In meiner kleinen Geschichte "Abschied" habe ich in veränderter Weise die Umstände verkleidet, deren wir uns eines Tages ergeben müssen. Ein sich Herausschreiben aus dieser Situation ist vielleicht der einzige Weg aus dieser Entäuschung, obgleich manches lieber in der Feder geblieben wäre. Ein rechter und verantwortungsvoller Autor ist derjenige, der manches Buch ungeschrieben ließe, habe ich unlängst in einem alten Bibliophilen-Kalender gelesen. Warum nur tun wir Dinge, die all dem widersprechen. Ich weiß es, aber jeder wird selbst darauf kommen.