Sonntag, 2. Dezember 2018

Bekenntnis



Abschied

In den frühen Samstagmorgenstunden wurden die Einwohner von Elbingen durch den lauten Singsang von Sirenen aus dem Schlaf gerissen. Lichterloh brannte in der Altstadt ein einzeln stehendes Wohnhaus. Eine Stunde später bereits hatte sich die Gewissheit über die Ursachen und Folgen des Brandes wie ein Lauffeuer durch den Ort verbreitet.
Wolf Köber kannten die Bewohner Elbingens schon von Kindheit an. Am Ortsrand wuchs er mit seinen Eltern auf, die ihr bescheidenes Auskommen über den Handel mit Topfwaren einbrachten. Diesem Handwerk, mit den stets tonbeschmierten Händen und der schweren Arbeit an der Töpferscheibe, konnte er keine Freude abgewinnen und unterließ zum Gram seines Vaters die häusliche Tradition schon gleich nach Beendigung der Schule. Es mochte die zufällige Bekanntschaft mit dem alten Schuster Paul Herbig gewesen sein, die Wolf seine Vorliebe für Leder erkennen und daraus seinen Berufswunsch entscheiden ließ. Schon als Knaben sah man ihn des Öfteren in der Schuhwerkstatt beim alten Meister Herbig sitzen, der den Jungen bald ins Herz und nach Schulende mit ihm einen Lehrvertrag geschlossen hatte. Zu dem Duft, der den Lederschuhen entströmte und in der Seele des kleinen Wolf ein einprägsames Gespür fand, zog es den Knaben auch wegen des Erzähltalentes des Meisters in die Werkstatt, um bei ihm interessante Geschichten zu hören. Aufmerksam und voller Hingabe saß Wolf zu dessen Füßen und lauschte, während Meister Herbig das Leder schabte oder Nägel in eine Schuhsohle besorgte, mit vor Spannung aufgerissenen Augen den Erzählungen über Fabelwesen und tapfere Helden. Besonders angetan war Wolf von dem Märchen der Gebrüder Grimm, „Der Meisterdieb“, das er beim Schuster zu häufigem Wiederholen anregte, weil ihn die Lösung der drei im Märchen gestellten Aufgaben durch das „Handwerk“ des Meisterdiebs faszinierte. Obgleich die Tatsache eines Diebstahles Leid beim Betrogenen hinterließ, übte die geschilderte Ausführung des „Handwerkes“ auf Wolf eine Anziehung aus, die seine Gedanken auf eine Nachahmung dieser Kunstfertigkeit lenkte. Zunächst allerdings erwachte mit der Zeit Wolfs Neugier, woher der Meister Herbig all seine Geschichten nahm, die er so lebendig zu erzählen wusste. Ein Schmunzeln überzog das Gesicht des alten Mannes, der sich bei dieser Frage ertappt sah, dass er zu diesem Behufe seine kleine Büchersammlung bemühte, die er dem Knaben schließlich verlegen präsentierte. Zum ersten Mal nahm Wolf filigran gearbeitete Lederbände in die Hand, denn der alte Schuster besaß ein halbes Dutzend dieser Bücher, die teils recht abgegriffen, aber immer noch eine Augenweide für den Betrachter waren. Vom ersten Moment an fühlte sich der Knabe zu den Lederbänden der Gebrüder Grimm, den schönsten Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab oder den schweren Bänden mit den Märchen von Brentano angezogen. Sein kleines Näschen schnüffelte über die ledernen Buchdeckel und die Finger befühlten tastend die weiche Oberfläche der Einbände. Der alte Schuster beobachtete den Knaben dabei erstaunt und vergnügt, wie er seine Bekanntschaft mit diesen Büchern auf eine seltsame, aber vertrauliche Weise schloss.
Dieses scheinbar so belanglose Erlebnis erweckte in Wolfs Seele Begehrlichkeiten und legte den Grundstein für ein lebenslanges Verhängnis. Der Junge ward fortan von den in Leder ummantelten Druckerzeugnissen in einen Bann gezogen, dem er all seine Mittel und Möglichkeiten aufopferte. Als er später selbst an der Schusterwerkbank stand und das Leder ihm längst zum vertrauten Arbeitsgegenstand geworden war, garte ein beständiges Verlangen um diese Könige der Buchbindekunst, dass ein Großteil seiner Gedanken während der Arbeit beständig um die Anreicherung seiner inzwischen begründeten Bibliothek kreisten. Allerdings trug er sich dabei vor allem daran schwer, dass es nicht so sehr die Mittel für die Bücher waren, um die sich seine Bemühungen drehten, als vielmehr die Art ihrer Beschaffung den Kern seiner Überlegungen bildete. Ein um das andere Mal huschten Erinnerungen an die Erzählung vom Meisterdieb durch seinen Kopf und er sann darauf, mit welchen Einfällen er sein Begehr nach Lederbänden stillen konnte. Bislang stöberte Wolf über Trödelmärkte oder suchte dem Zufall für seine Lust auf die Spur zu kommen. Doch all dies brachte nicht die erhoffte Ansammlung zustande, deren seine Begehrlichkeit nach diesen Büchern bedurfte. Im Hause seiner nunmehr bereits vor einiger Zeit verstorbenen Eltern galt der Buchbesitz der Bibel für ausreichend, so dass Wolf mit diesem dürftigen Grundstock seine Büchersammlung begründet hatte. Weitere kirchliche Werke kamen in kurzer Zeit hinzu, als er gelegentlich beim Besuch von Gotteshäusern verwaiste, in Leder gebundene Gesangsbücher fand, die er heimlich unter dem Wams davontrug. Da sie in großer Vielzahl auf den Kirchenbänken lagerten, schämte er sich nur maßvoll seines Vergehens. Der Herr würde es bestimmt gutheißen, nahm er sich doch seines Gedankengutes in stiller Bedürftigkeit an, weil seine Tat doch dem Glauben an eine gute Sache diente. Recht bald allerdings waren diese Gaben erschöpft, denn für einen Büchersammler zählte das Einzelstück als Prunk, das keinen Doppelgänger nötig hatte. Und so musste Wolf auf andere und neue Gelegenheiten sinnen.
Diese ergaben sich, als Wolf eines Tages die drei Antiquariate in Elbingen entdeckte. In Sonderheit dass diese Bücherhöhlen stets wenige Besucher zählten, offenbarten sich in den verschlungenen Reihen der Bücherregale günstige Momente, in denen sich Wolf alleine mit seinen Absichten wähnte, ein begehrliches Stück aus feinstem Leder aus dem Regal zu ziehen und einem vorbereiteten Versteck am Körper anzuvertrauen. Dazu hatte er sich eigens einen langen Mantel zugelegt, der inwendig über zwei tiefe Taschen verfügte, deren Ausmaß jeweils einem Oktavband von größerem Umfang entsprach. Lange hatte er über dieses Versteck nachgedacht und ihm fein säuberlich mit Schusterzwirn auch jenen Halt verliehen, der notwendig war, dass ein schwerer Lederband formgerecht umhüllt wurde. Zur Versteifung des Mantelversteckes hatte Wolf dünne Pappe ins Futter genäht, so dass ein Behältnis ähnlich einem Buchschuber entstanden war, in den das Buch passgerecht Aufnahme fand. Damit die Mantelseiten im Gleichgewicht hingen, mussten es jedes Mal zwei Bücher sein, die ihren neuen Eigentümer auf diese heimliche Weise fanden. Obgleich die Antiquare von Berufs wegen mit guter Erinnerung ausgestattet waren, rechnete Wolf aufgrund der Fülle des Bücherbestandes mit später Entdeckung des Verlustes und es sollte auch nicht wundernehmen, wenn ein Bücherdiebstahl auf ewig unentdeckt blieb. Diese Annahme hatte in vielen Jahren, in denen Wolf den Läden seine Besuche abstattete, eine anscheinend berechtigte Vorstellung, denn nie wurde er einer seiner Taten bezichtigt. Stets wenn er die Antiquariate besuchte, brachte er zur Akzeptanz seines Besuches ein schmales Lederbändchen mit ins Licht des Kassenbezirkes, bezahlte einen bescheidenen Preis und entführte unter seinem Mantel zwei weitere gewichtigere Exemplare aus diesem Bücherhort. Es war dies ein kalter, weil unbemerkter Abschied für den jeweiligen Antiquar von einem Teil seines Besitzstandes, wie Wolf sein Verhalten für sich umschrieb. Obgleich Wolf im Alltag von Ehrlichkeit geprägt war, trug er für sein frevelhaftes Tun um die Bücherdiebstähle keine Sorge im Herzen, denn wie im Märchen der Meisterdieb nur vom Überfluss der Reichen nahm, so betrachtete Wolf die unermesslich scheinende Bücherfülle in den Antiquariaten als einen Umstand, der ihn zu seinem Handeln berechtigte. Auch machte er sich nie Gedanken darüber, dass ein Fehlen der Bücher den Antiquaren würde auffallen können, was er nur leichtfertig und mit wenig Geschick durch Verschieben der übrigen Bücher auf dem Regal zu verdecken suchte. Denn nie hatte ihn ein Ladeninhaber beim nächsten Besuch beargwöhnt, was seine Meinung zu seinem Verhalten schließlich aufkommen lassen hat.
Inzwischen war der Bestand der häuslichen Bibliothek bei Wolf erheblich angewachsen und der Raum neben seiner Schuhmacherwerkstatt reihum mit Regalen voll der schweren Lederbände angefüllt. Es war eine Bücherlandschaft in den Jahren entstanden, die sich dem Auge darbot, wie sie eine gräfliche, in Jahrhunderten gewachsene kleine Bibliothek nicht hätte schöner aufbieten können. Zwar fehlten hier die alten wertvollen Glanzstücke aus den frühen Jahrhunderten der Buchdruckerkunst, die eine Bibliothek zum Hort eines schwerreichen Erbes machen, weil die Antiquare derartige Ware unter besonderem Verschluss hielten. Doch Wolf war mit Äußerlichem zufrieden, wenn es nur aus Leder bestand. Und so reihte sich auf seinen Regalen ein Abglanz verlegerischer Launen zu Büchern aus der jüngeren Vergangenheit, die als Sonderausgaben oder Gelegenheitsstücke entstanden sind. Schon lange gab sich Wolf auch mit Halbfranzbänden zufrieden, denn so ergiebig, wie es seinem Geschmack an Ganzlederbänden gefallen hätte, erwiesen sich die besuchten Antiquariate leider doch nicht. Allerdings legte er bei diesen Halblederbänden einen besonderen Wert auf die Buchrückengestaltung und dass möglichst ein breiter Rand des Buchdeckels vom Leder überspannt war sowie Lederecken den Band zierten. Solcherart Bücher waren leichter in den Regalen der aufgesuchten Läden zu finden als die Ganzlederbände, denen meist ein besonderer und geschützter Bereich im Antiquariat vorbehalten war. Dieser Umstand brachte Wolf manchmal an den Rand der Verzweiflung und einmal wäre es gar bald geschehen, dass der Inhaber des Ladens ihm auf die räuberischen Schliche gekommen wäre. Ein frisch aufgearbeiteter Lederband, der Wolf ob seines schönen Zustandes gleich nach Betreten des Ladens aufgefallen war, wurde wohl versehentlich auf eine Tischablage verbracht. Er wollte eben seine Hand begehrlich nach dem Buch ausstrecken und seine Entdeckung unter dem Mantel in Verwahrung bringen, als der Antiquar hinzutrat. „Ein schönes Stück, nicht wahr?“, teilte dieser seine Begeisterung für das Werk mit. Nachdem Wolf kein offenkundiges Interesse an dem Buch bezeigte, schloss der Ladenbesitzer es wieder in einen Glasschrank. Es war dies ein sonderbarer Zustand, denn Wolf schien wie gelähmt, als er seine Absichten durch die Anwesenheit des Antiquars zerstört sah, so dass er eine gewisse Gleichgültigkeit gegen das schöne Buch ausstrahlte, die den Antiquar zu seinem Entschluss, das wertvolle Buch in Verwahrung zu nehmen, berief. Nun wehte vom Glasschrank eine Häme gegen Wolf, der seinen Blick nur zögerlich zur Beherrschung brachte und sich beständig von dem dunkelbraunen Lederband angezogen fühlte. Ein Begehren war ihm vor Augen wie eine Seifenblase zerplatzt und ein Verlustgefühl brannte ihm auf der Seele, dem er nur entgehen konnte, indem er an diesem Tag beinahe fluchtartig den Laden verließ. Man mag in diesem Verhalten bereits krankhafte Auswüchse mit körperlichen Leiden erkennen, die Wolf plagten, und so wird es nicht wundernehmen, wenn wir erfahren, dass die Büchersucht nach Lederbänden bei Wolf das Ausmaß der Gier bereits weit überschritten hatte und er auf dem Wege war, sich zu einem sonderbaren Kauz zu entwickeln. Diese innere Verwandlung zeigte sich auch in seinem Äußeren. Noch nicht einmal fünfzig Jahre alt, schlich Wolf in gebückter Haltung durch die Straßen des Ortes, und wer ihm begegnete, ging seiner Erscheinung mitleidsvoll aus dem Wege. Seine Kleidung war schmuddelig, die Haare ungepflegt und unter seinen Fingernägeln bargen dunkle Ränder die Reste seiner handwerklichen Tätigkeit. Nur noch Stammkunden und vereinzelte Neugierige suchten seine Schusterwerkstatt auf und verabreichten ihm Arbeit für seinen Lebensunterhalt. Einer Frau hatte er in seinem Leben, in dem nur die Leidenschaft für das Leder seine Berechtigung fand, bislang keinen Platz eingeräumt. Und wie man es gelegentlich den Hundebesitzern nachsagt, dass sich ihr Äußeres aus dem Besitz ihrer Lieblinge prägt, so hinterließen auch die Produkte des Gerberhandwerkes in Wolfs Gesicht mit seinen porigen und von alters wegen erworbenen Falten und Dellen ihre unübersehbaren Spuren.
Da geschah es eines Tages, dass, als Wolf vor seinen mit den prachtvollen Büchern angereicherten Regalen stand, ein Gedanke wie der Blitz aus heiterem Himmel in seinem Kopf auftauchte. Mochten es vielleicht die zunehmenden gesundheitlichen Beschwerlichkeiten des Alltags gewesen sein, die in diesem Moment an sein Bewusstsein klopften: Wolf erkannte plötzlich und unerwartet die Gewissheit von der Endlichkeit allen Daseins. Es war so einfach und unerlässlich, dass wir unser Leben mit dem Tod beenden, dachte er, während all die Bücher hier vor seinen Augen bleiben und ein weiteres Weilchen bei einem nächsten Besitzer fristen werden, bis ein Zufall oder ein Entschluss ihre Gegenständlichkeit vernichtet. Wolf sank auf seinen Lesestuhl und starrte mit einem befremdlichen Gefühl auf die über die Jahre angesammelten Lederbände. Er würde keines von ihnen dahin mitnehmen können, wohin sein Lebensweg ihn unweigerlich führte. All die Mühen und Findigkeiten, in den Besitz dieser Bücher zu kommen, hatten etwas Lächerliches an sich, blitzte ein Gedanke durch seinen Kopf. Er hatte dafür bewusst Menschen hintergangen, ihnen genommen, was ihr Eigentum war, zu diesem Preis, dass er nur eine Zeit lang Freude am Besitz dieser Bücher nahm. Welch ein Widersinn steckte hinter diesem Verhalten, dachte Wolf. Und als würden seine Gefühle durch diesen Gedanken gespült, entwichen ihnen all die Bestandteile, die zur Wertigkeit seines Befindens gegenüber den Büchern in seinem Leben geführt hatten. Wolf spürte plötzlich eine Leere in seinem Innern, und dort, wo bis vor wenigen Minuten noch sein Stolz über seine Bücher vorgeherrscht hatte, gähnte ihm nun höhnisch der Spott entgegen. Mit hängenden Schultern und scheinbar in den letzten Minuten schlagartig um mehrere Jahre gealtert, wirkte sein Gesicht zerfallen, grau und wie von einem Hauch des Todes heimgesucht. Wolf saß an diesem Tag noch eine geschlagene Stunde wie versteinert inmitten seiner Bücherregale, während seine Gedanken mit einem befindlichen Halt für seine neue Situation beschäftigt waren. Was sollte nun werden, dachte er, mit all diesen Büchern, die er zusammengestohlen und geraubt hatte? Er konnte doch nicht einfach in die Antiquariate gehen und sein Diebesgut an ihre ursprünglichen Eigentümer verkaufen. Auch empfand er den Vorschlag des Augenblicks, die Bücher einfach reumütig zurückzubringen, als sei er geläutert und bitte nun für sein Verhalten um Entschuldigung, für unwürdig. Zu solch einer Unterwürfigkeit fühlte er sich nicht in der Lage. Was er getan hatte, dazu wollte er nun bis an sein Lebensende stehen, wäre es doch sonst ein Eingeständnis dessen, dass er ein verfehltes Leben geführt hatte. Obgleich verführt durch Gier und Unersättlichkeit, nahm er diese Erkenntnis in Verantwortung und suchte keine Ausflüchte zu seiner Entlastung. Er hatte es so gewollt und nun trug er ganz allein an dieser Last. Kurz tauchten Erinnerungen an seine Eltern auf, die sich mit einem einzigen Buch in ihrem Leben begnügt und ihr Dasein auf eine ehrliche und natürliche Weise geführt hatten. Der Geruch des Leders hatte ihn offensichtlich um seinen Verstand gebracht. Am Ende dieser Muße schaute Wolf mit einem Blick, der nichts Ehrbares mehr verhieß, auf die hehren Bucheinbände um sich herum. Mühsam hatte sich Wolf schließlich aus seinem Lesestuhl erhoben und war mit einem Gleichmut an seinen Bücherregalen vorbeigelaufen, als handelte es sich um einen beliebigen Gebrauchsgegenstand.
Von Stund an brach für Wolf eine Welt zusammen, und was einst all seinem Begehr und seiner Beschäftigung galt, dem Leder, verwandelte sich in einen Gegenstand der Abscheu. Der strenge Geruch in seiner Schuhmacherwerkstatt schürte einen Kummer in seiner Seele, dem Gleichgültigkeit gegenüber seiner Arbeit folgte. Die Kunden beschwerten sich zunächst und blieben bald ganz aus, weil die Sohlen, die Wolf neu belegte, dem nächsten Gebrauch nicht standhielten. So hatte Wolf immer mehr Zeit, über sein Schicksal nachzudenken und kaum mehr Pfennige in seiner Kasse, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wolf magerte zusehends ab und war bald nur noch ein Schatten seiner selbst. Seinen Bibliotheksraum mit den erhabenen Ledereinbänden betrat Wolf während dieser Zeit nur noch selten und wenn, dann mit einem gleichgültigen Blick, der bald gar etwas Feindseliges erkennen ließ. Es war der Neid auf die scheinbare Unvergänglichkeit dieser Bücher, der an ihm zu fressen begonnen und seinem Gesicht Ausdruck verliehen hatte.
Dann kam der Tag, an dem ihm diese Bücher mit ihrem Vorhandensein als Last auf der Seele lagen und Wolf darüber nachsann, wie er sie aus seinem Besitz bringen können würde. Verkaufen kam für ihn nicht infrage, denn die zumeist gestohlene Ware konnte an die hiesigen Antiquariate nicht veräußert werden. Um sich weitere ähnliche Kontakte in anderen Ortschaften zu erschließen, besaß Wolf weder die Kraft noch die Geduld, und es war ihm auch der Mühsal zu viel, die er für seine unzähligen Bücher hätte aufbringen müssen. Jedes einzelne Buch erwies sich nun als Gepäck, das ihm auf der Seele lag und von dort seine Gedanken berührte.
Als er eines Tages in schleppenden Schritten durch die Stadt lief, fiel sein Blick auf den Laden eines Altstoffhändlers, in dessen Hof Wolf Berge von Papier und auch geschnürten Büchern erkannte. Immer wieder schaute er hinüber auf den Ablageplatz, während sich in seinen Gedanken eine Idee formte, deren Vollendung das Herz eines Bücherliebhabers zerreißen musste. Doch dieser Gedanke nistete sich in seinem Kopf wie eine Brut ein, die fortan mit ihrem Begehr nach Leben keine Ruhe mehr gab. Rat- und rastlos lief Wolf zu Hause von einer Zimmerecke in die andere, bis sein Entschluss, es mit dieser Art der Entsorgung seiner Bücher zu versuchen, feststand. Er wollte ein einziges Regal für diese Schmach opfern und danach in seiner Seele erspüren, was dort geschah. Obgleich sich sein Bewusstsein hinsichtlich der Bücher in den letzten Wochen gewandelt hatte, mochte in einem Winkel dieser Verfassung noch ein Fünkchen verblieben sein, dass die einstige Glückseligkeit gegen seine in Leder gebundenen Bücher noch zu entfachen in der Lage war. Beim Packen der Taschen loderte plötzlich eine Erinnerung an die einstigen Tage jener freudvollen Beschäftigung auf, dass Wolf in seinem Tun innehielt, sanft über den Buchkörper des in seinen Händen haltenden Bandes strich und im nächsten Moment eine Träne den Buchdeckel benetzte. Hastig hatte er sich gegen diesen Gefühlsausbruch mit dem zwanghaften Fortsetzen seines Packens gewehrt und war in Eile geraten, wie man sie von seinem schwächlichen Körper hätte nicht mehr erwarten können. Dann stand Wolf mit zwei Taschen schwer bepackt vor dem Grundstück des Altstoffhändlers, der gerade in diesem Augenblick mit einem Kunden in Streit über eine Abrechnung geraten schien. Laute Worte drangen an Wolfs Ohr, dessen soeben noch gestraffter Oberkörper bei dieser Beobachtung merklich an Spannung verlor. Als sei die Szene für Wolf gespielt, wähnte er sich als Zuschauer eines Dramas, dessen Handlung ihn zum Besinnen zwang. Steif und starr verfolgte er den Fortgang des Streites und hörte bald nichts mehr davon, weil eigene Gedanken dazwischenriefen. Noch bevor die Auseinandersetzung auf dem Hof ein Ergebnis erkennen ließ, hatte Wolf seine beiden Taschen mit den Büchern wieder in den Händen und lief nach Hause.
Die seltsame Einflüsterung, die Wolf während des Alltagsdramas auf dem Gelände des Altstoffhändlers in seinen Gedanken ereilt hatte, führte zu einer wundersamen Versöhnung des Schusters mit seinen Büchern. Auf dem Heimweg zum angestammten Domizil seiner Bücher war Wolf ein Einfall widerfahren, der, je näher er seiner Wohnung kam, immer genauere Konturen in seinem Kopf annahm und er erstmals wieder nach Wochen des Trübsinns und der Mutlosigkeit vor seiner Zukunft so etwas wie Freude und Genugtuung verspürte. Ein Gefühl, das ihm über so viele Jahre im Angesicht seiner Bücher vertraut war und das ihn an jenem denkwürdigen Tag, als ihm die Tatsache des Überlebens seiner Bücher unter der Gewissheit seiner Vereinsamung ins Bewusstsein drang, verlorengegangen war. Warum, so dachte Wolf, sollten wir, die Bücher und ihr Herr, nicht auf ewig zusammenbleiben können, vereint zu Asche und Staub, untrennbar in eins vermischt? Der Sturmwind des Feuers würde diese Arbeit verlässlich verrichten.
Als käme er von einer großen Besorgung zurück ins Heiligtum seiner Bibliothek, verbrachte Wolf die aussortierten und dem Altstoffhändler geweihten Bücher wieder fein säuberlich ins Regal. Dann saß er noch bis gegen Mitternacht vor seinen Buchschätzen und erweckte all jene noch gedanklich fassbaren Erinnerungen an jene Zeiten, als seine Sammlung aus ihrem Anfang mit der Bibel seiner Eltern beinahe wöchentlich um einige Bücher zum ersten gefüllten Regal anwuchs. Nach und nach reihte sich Diebesgut an heimelig eingewöhnte Bestände, die längst das Ruchbare ihrer Herkunft an einen geistigen Frieden verloren hatten. Neue Regalböden mussten angeschafft werden, bis schließlich eine stattliche Bibliothek aus Lederbänden den Raum mit ihrem schweren Duft nach natürlichen Gerbstoffen anfüllten.
Auf dem Tischchen neben seinem Lesestuhl lag unter der Lampe ein Bündel mit langstieligen Kerzen bereit, die Wolf in den nächsten Minuten auf die Regalbretter vor seine eingerückten Bücher verteilte. Die Kerzenflämmchen würden die Holzbretter schnell erreichen, so war sein Plan auf dem Weg zur gemeinsamen Vergänglichkeit.
Als die Feuerwehren in den Morgenstunden eintrafen, brannte bereits der Dachstuhl lichterloh und das Löschwasser vermochte nur noch eine Ausweitung des Feuers auf die Nachbarhäuser zu verhindern. Wolfs bleiches Skelett fand man gegen Mittag inmitten von Asche und Staub.

Montag, 24. September 2018

Werkstattnotizen - 31




23.11.2018

„Ein Werk muss lange Wurzeln haben in meinem Leben, geheime Verbindungen müssen laufen von ihm zu frühsten Kindheitsträumen, wenn ich mir ein Recht darauf zu erkennen, an die Legitimität meines Tuns glauben soll“, sagte Thomas Mann in seinem Vortrag über seinen Roman „Joseph und seine Brüder“ am 17. November 1942 in Washington. Diesen Gedanken nehme auch ich für mich in Anspruch, wenn ich über mein Tagebuchprojekt „Wie einer wird, was er ist“ nachdenke. Wurzeln, die in jungen Jahren im heimatlichen Boden nach Halt für ein Leben suchen, verlassen uns nie, auch wenn sich viel Erde über ihnen anhäuft.
Mein genanntes Buchprojekt ist nunmehr im Druck und kann von Interessierten, die vielleicht nach einer Déjà-vu-Situation suchen über meine Homepage www.harald-kugler.de bestellt werden.


14.11.2018

Und nun schon eine Rezension zum Tagebuch:

Rezension Petra Liermann zum Tagebuch

„Wie einer wird, was er ist“

Warum sind "Wessis" und "Ossis" immer noch verschieden? Wie sind sie zu Zeiten der DDR mit dem politischen System umgegangen und was hat ihr Leben ausgemacht? Aber vor allem: Wie wird aus einem Menschen ein Autor? Was bewegt ihn und was treibt ihn an?
Diese und andere Fragen kann wohl niemand besser beantworten als ein Autor wie Harald Kugler, der bis zur Wende in der DDR gelebt und gewirkt hat und dessen Herzblut dem Schreiben, aber auch den Büchern gehört.
"Wie einer wird, was er ist" ist ein Tagebuch, das sich weniger den Äußerlichkeiten denn den Gedanken eines Menschen widmet, der seine Liebe zu Büchern und den Wunsch nach Veröffentlichung seiner eigenen Werke lebt. Eingebettet in politische Entwicklungen erhält der Leser einen Einblick in die Seele eines Schriftstellers und erlangt so auch ein Verständnis für Gedanken, die geprägt sind vom Leben im sozialistischen System der ehemaligen DDR, wobei dies nicht gleichbedeutend ist mit dessen unkritischer Annahme.
Ein sehr zu empfehlendes Buch, in dem sich nicht nur Autoren wiederfinden werden, sondern das gerade in der heutigen Zeit die Unterschiede erklären kann, die immer noch eine scheinbar unüberwindbare Grenze zwischen Ost und West ziehen.


09.11.2018
Ich habe mich entschlossen, meinem Tagebuch bis 1989 noch einen Anhang mit zwei darauffolgenden Jahren beizufügen. Die Eintragungen sind doch so interessant, dass ich sie nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen will.

004 Freitag – 27.04.1990
Was macht uns den bundesdeutschen Partnern gegenüber so hilflos? Es ist nicht nur das Geld, vielmehr meine ich damit ihre Gewandtheit, ihr Selbstbewusstsein, dass in ihrer Vergangenheit am Weltbewusstsein geschult wurde. Sie kennen die Umstände besser als wir, weil sie sich tagein, tagaus an ihnen messen mussten (durften). Wir dagegen lebten in einem Staat, der seine Bürger gegen den größten Teil der Welt abschottete und ihnen jegliches Bewusstsein für die eigene Verantwortung abnahm. Alles war unter den gegebenen Bedingungen festgelegt, vorausgeplant und der eigenen Verantwortung enthoben. Wir brauchten nur zu folgen und so folgerichtig war dann auch unser Weg. Nun plötzlich das Ende. Wir stehen da und wissen nicht wirklich wohin. Was anfangen mit der plötzlichen persönlichen Freiheit. Haben wir es doch nicht gelernt zu fragen, was will ich aus mir machen und was ist von den vielfältigen Möglichkeiten, die diese Welt bietet, gut für mich. Das eigene Schicksal am Schopfe packen ist so fremd, wie die neue Zeit für uns beinahe unwirklich ist.


02.11.2018

007 Ostersonntag – 03.04.1988
Es kommt selten genug vor, dass man Menschen begegnet, die dass, was wir gemeinhin als Seele bezeichnen, so auszuweiten oder zu berühren vermögen, dass wir Regungen darin verspüren, die bis dahin in einem Winkel von ihr geschlummert haben, den wir bis zu dieser Begegnung noch nie betreten haben. Die Begegnung mit anderen Menschen ist für einen Menschen immer sehr kostbar, es kommt derweil allerdings darauf an, ob wir zu dieser Begegnung auch wirklich bereit und verständnisvoll genug sind. Vielmals sind wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt (Bemerkung am 02.11.2018 – Und die modernen Medien mit ihren Smartphones und I-Pads und Tablets forcieren und verselbstständigen diese Unaufmerksamkeit in einer Form, dass immer weniger Menschen zu Aufmerksamkeiten gegenüber ihrer Umwelt fähig sind. Die digitale Welt scheint dafür gemacht worden zu sein, dass die Menschen ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen und von den eigentlichen Problemen bewusst abgelenkt werden).

28.10.2018

002 Sonnabend – 03.01.1987


Ich bin tief beeindruckt von diesem Filmereignis gestern im Fernsehen gewesen. Ein Film für die Sinne eines Empfindsamen, dem das Gespür nach menschlicher Wärme noch erhalten geblieben ist. Im Grunde genommen bestand der Film aus einer Reihe von Episoden, die in Vergangenheit und Gegenwart verwoben davon erzählten, wie gefühlsarm die Zivilisation geworden ist.


25.10.2018
015 Donnerstag – 24.07.1986
Größte Härte und zarteste Weichheit, grauestes Einerlei und nuancenreiche Farbigkeit: Aus ihrem Zerschmettern entsteht eine neue Welt.
Man muss den Gefühlen nachspüren, doch dann fehlen dem Ungeübten meist die Worte. Das Empfinden vergeht, noch ehe der treffende Ausdruck dafür gefunden ist. Es ist ein Jammer, dass wir unsere Sprache nicht besser verstehen. Dem Menschen bleibt noch viel zu tun. Sollte es dem Menschen gelingen, naturfühlig zu werden, dann erst beginnt sein neues Zeitalter.

23.10.2018
Das Tagebuch wimmelt von Eintragungen über und von Schriftstellern aller Zeitperioden. Bücher sind ein Fundgrube und mein Tagebuch entwickelt sich immer mehr zu einer solchen:
Ernst Bloch sagt bezeichnender Weise:
„… das es bisher noch kein menschliches Leben gegeben hat, sondern nur ein wirtschaftliches, das die Menschen umtrieb und falsch machte, zu Sklaven, aber auch zu Ausbeutern.“ Und weiter dazu: „Auch die Widerspenstigsten nimmt das Kapital auf seine Flügel; einigen scheint dies in der Tat eine Erhebung.“


16.10.2018
Ergänzung zu einer Eintragung vom 14. Januar 1985
Der Proceß
Wir hätten alle den Roman „Der Proceß“ von Franz Kafka aufmerksamer lesen sollen, der dem Leser besagt, dass der Mensch für alles, was er in seinem Leben tut oder unterlassen hat, seine gerechte Strafe erfährt. Allerdings, wenn ich es bedenke, wie ich aus einer Statistik erfahre habe, dass 50 % der Menschen keine Romane lesen, wie sollen sie da erkennen können, wenn sie sich mit ihrem Verhalten schuldig machen und sich lustvoll an der Natur versündigen. Die Natur macht uns aber allen den Prozess und dieser wird in kürzerer Frist verlaufen, als es uns die Erdgeschichte erzählt. Die Saurier habe es ohne ihre Intelligenz auf Millionen Jahre ihres Bestehens gebracht, die Menschheit schafft ihren Untergang mit ihrer Intelligenz in weniger als 20.000 Jahre.
Seit 1978 führe ich regelmäßig Tagebuch und berichte darin auch gelegentlich über das Winterwetter. Seine aufmerksame Betrachtung erlaubt mir einen zur obigen Aussage treffenden Schluss, denn je mehr die Mobilität des Menschen mit seinen Kraftfahrzeugen, Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen zunimmt und mit ihren Abgasen die Luft verpestet, umso weniger Schneereich, kalt und feucht verlaufen die Jahre. Das ist zwar keine gesicherte Erkenntnis, aber der Verlauf der Jahreszeiten offenbart den Prozessbeginn.


27.09.2018

019 Dienstag – 20.07.1982
Ein schöpferischer Prozess ist mit viel Einsamkeit verbunden. Es gibt Stunden, in denen man wie es scheint, sinnlos vor sich hinstarrt, in denen nichts, aber auch nicht das Geringste geschieht, doch innerlich ist der ganze Körper bis zum Zerspringen angestrengt. Der ihm aufgesetzte Geist sucht verzweifelt nach Ideen, verwirft Formulierungen und streitet mit dem Behagen, dass sich mit dem bereits Erdachten zufriedengeben will. Das geschieht alles unter der Haut und niemand, auch nicht der nahestehende Mensch, erfährt von dieser Qual. Nachdenken scheint mir das höchste Glück auf Erden, grübeln, eine Idee verfeinern, schleifen jedes Wort, jede Formulierung, bis der harte Kern übrigbleibt, der meinen Anforderungen, und mögen sie auch auf Grund meiner geringen Schreiberfahrungen noch gering ausfallen, genügt. Letztlich bin ich es selbst, der damit zufrieden sein muss. Das Gefecht mit dem geschriebenen Wort, bei dem nicht immer der Stärkere gewinnt, ist eine Herausforderung für jeden, der sich dem ernsthaften Schreiben widmen will.


26.09.2018
Beinahe jeden Tag bin ich baff über meine damaligen Tagebucheintragungen. Gestern bin ich auf jene Zeit gestoßen, als ich mich mit dem Brief von Dieter Noll an Erich Honecker, zuerst veröffentlicht im Neuen Deutschland, beschäftigt hatte. Der Schriftsteller war mir persönlich bekannt und ich habe ihn mehrmals besucht. Über all das berichtet mein Tagebuch und noch über vieles mehr.


Über viele Jahre habe ich akribisch Tagebuch geführt und mein Befinden analysiert, über den Erwerb und das Lesen von Büchern geschrieben und dem Alltag Begebenheiten abgelauscht. Nun will ich den Versuch wagen, aus diesen Erinnerungen jenen Menschen herauszufinden, der ich damals war und aus dem sich mein Ich entwickelte, dass mir heute aus einem Spiegel, wenn auch mit mehr Falten behaftet, entgegenblickt.
Oft wird in diesen Zeilen von Literatur und literarischen Begegnungen die Rede sein, denn dieses Medium hat mich schon von Kindesbeinen an begleitet. Und ich entsinne mich, dass ich - ähnlich wie seinerzeit der Dichter Hermann Hesse seinen Eltern gegenüber geäußerte hat, ein Dichter werden zu wollen - einen ebensolchen Ausspruch in einer Eisdiele zu meiner Mutter gesagt habe. Literatur ist etwas Großes und Bedeutendes, die mit ihren Texten die Seele weitet, das Herz empfänglich und den Geist lebendig macht. Eine Dreifaltigkeit, die mehr bewirkt als jede Religion.

Dienstag, 8. Mai 2018

Werkstattnotizen - 30

Das Projekt ist beendet und eine erste Rezension liegt bereits vor.
Zusammenfassend noch einmal zum Anliegen:

Mit dem Lion-Projekt, will ich aufzeigen, welche Lösung es zu den Problemen gibt, die die Marktwirtschaft weltweit verursacht. Es sind die Gedanken der Menschen, ich heiße sie in diesem Buch das Monstrum, dem die Menschen hörig sind und das zu unsäglicher Gier verleitet, die unsere Gesellschaft dem Untergang weiht. Niemand kann das ändern oder verändern, als jeder für sich selbst, indem wir unsere Gedanken erziehen. Die Politik ist dazu nicht in der Lage, denn sie ist nur der Handlanger jener Lobbyisten der Pharma- und Autoindustrie und wie sie alle heißen. Sie, die nie schöpferisch sondern nur beratend arbeiten, scheffeln sich Kraft ihre selbsternannten "Befugnisse" aus diesem System Vergünstigungen, Vergütungen und Pensionen in die eigene Tasche, wovon die arbeitende Bevölkerung nur träumen kann. Das sie das nicht ändern wollen, liegt wohl auf der Hand. Und die Industrie, deren Handlanger sie sind, unterstützt sie kräftig dabei.
Jeder Mensch sollte beginnen, seine Bedürfnisse und Gedanken auf die Probe zu stellen und zu hinterfragen, dann könnte man vielleicht etwas bewegen. Wie jener Ausspruch, ich weiß nicht von wem er stammt, Brecht möglicher Weise, es ist Krieg und niemand geht hin. Oder neuzeitlich, es werden hochfunktionelle Autos gebaut und niemand will sie haben.




Kapitel 6 - Marion Wohlebe - Zurück zur Natur

30. August 2018

Das Projekt ist beendet. Und wer mag, kann das Buch als Privatdruck über meine Email-Adresse harald.kugler@web.de bestellen. Er sollte dann nur etwas Geduld mitbringen, denn ich habe nicht so viele Exemplare auf Lager. Verlage und Agenturen wurden auch kontaktiert, doch dauert es bei ihnen in der Regel mehrere Wochen, bis sie eine Entscheidung getroffen haben. Meist aber, melden sie sich erst gar nicht mehr.
Wir werden sehen und dann vielleicht ernten.
Besten Dank an alle 280 Interessenten, die das Entstehen dieses Projektes beobachtet und begleitet haben.

26.August 2018

Monique Sabewa im Gespräch mit Marion Wohlebe

Kenia erteilt nur unter bestimmten Voraussetzungen eine Genehmigung zu einem Daueraufenthalt in seinem Land. Dazu gehört auch der Nachweis von Kapital.
Es regelt damit in erster Linie das Auskommen der eigenen Bevölkerung und so ist es für Einwanderer zum Beispiel äußerst schwierig, eine Arbeit zu bekommen, die auch von der eigenen Bevölkerung verrichtet werden kann. Und es kann gar passieren, dass einem Neuankömmling später eine Arbeitsstelle gekündigt wird, weil sich eigenes Personal dafür gefunden hat.
Was den Flüchtlingsstrom weltweit anbelangt, so werden ihn die reichen Länder Europas und anderswo nicht mit Zäunen verhindern können. Verzweifelte Menschen finden immer einen Weg und nutzen die übelsten Schlepperangebote, wenn damit auch nur ein Fünkchen Hoffnung verbunden ist. Sich davor die Augen zu verschließen, heißt sich selbst zu belügen und die aufkommenden Probleme einfach der nächsten Generation zuzuschieben. Vielen Menschen geht es in ihren Ursprungsländern schlecht bis sehr schlecht und unerträglich. Dann sehen oder hören sie durch die digitale Verbreitung der Kommunikation, wieviel besser es sich in den Industrieländern leben lässt und sie machen sich auf den Weg. Und wenn sie gar noch gerufen werden, nimmt der Zustrom gewaltige und nicht mehr beherrschbare Ausmaße an. Dieses Ansinnen, dass in einem Land jeder willkommen ist, der irgendein Problem im eigenen Land benennen kann, ist frevelhaft bis unverantwortlich. Aber dieser Ruf gilt einfach nur billigen Arbeitskräften oder fehlenden Fachleuten, zu Zwecken, die die Menschen in den Industrieländern nicht mehr machen oder schaffen wollen. So ein Verhalten ist einfach abscheulich. Und es wird höchste Zeit für ein Umdenken, will daraus nicht in einigen Jahren eine katastrophale Völkerwanderung entstehen. In den Ursprungsländern dieser Menschen ist längst Unterstützung durch die reichen Staaten erforderlich, dass dort eigene Industrien von hohem Wert entstehen, das heißt, dass man diesen Ländern endlich das zurückgibt, was man ihnen viele Jahrzehnte lang entzogen oder entnommen hat. Das ist der einzige Weg, mit dem eine weltweite Katstrophe verhindert werden kann. Es ist allerdings die Politik, die das verhindert, weil sie längst von einer Lobby durchdrungen ist, die ihre Interessen zu wahren sucht. Und so ist es in Deutschland, wie in den anderen Ländern auch, eine vordringliche Aufgabe der Bevölkerung, ihre Vertreter neu zu wählen.
Solch eine Regelung, wie in Kenia, dass man Kapital nachweisen muss, um einwandern zu dürfen, wird es in den Industriestaaten zurzeit, der willigen Arbeitskräfte wegen, nie geben. Das Kapital hat dort längst die Vernunft aufgefressen und den Sehnerv zerstört, so dass die Gesellschaften wohl blind auf einen Abgrund zu schlittern.
Die benannten Ungerechtigkeiten sind vielerorts bekannt, doch den regierungsführenden Parteien sind von einer starken Lobby in der Industrie die Hände gebunden und sie suchen inzwischen verzweifelt um Schadenersatz, indem man Flüchtlinge aller Herren Länder aufzunehmen sucht und sie an den sozialen Errungenschaften teilhaben lässt. Das stößt nicht immer auf das Wohlwollen der Bevölkerung, die sich um ihre erarbeiteten Pfründe von Zugezogenen betrogen sieht. Da ist bei ihnen noch viel Erklärungsarbeit notwendig. Denn, jedes Handy was sie benutzen, Soja oder Öl, das sie kaufen, beinhaltet Rohstoffe, die meist von weit herkommen und in ihren Herkunftsländern für Brachen und Rodungen sorgen und damit Heimat zerstören. Und das alles zu einem Arbeitslohn, für den der Deutsche am Morgen nicht einmal das Bett verlassen würde.



24. August 2018

Die Afrikanerin Monique Sabewa tritt in Erscheinung und wird das Leben von Marion Wohlebe grundlegend in eine andere Richtung führen, nachdem sie von der Gemeindeverwaltung den Bescheid erhalten hatte, dass demnächst eine Seilbahn über ihr Gehöft führen wird.


19. August 2018

Das, den technischen Errungenschaften, Überlassen von geistigen Fähigkeiten, ihre Manipulation durch die Medien und die Werbung, verändert den Menschen als Individuum und macht ihn zu einem Summividium, einem Wesen, dass sich kaum mehr von anderen unterscheidet. Gleichlautende aufoktroyierte Bedürfnisse, Gewohnheiten und Gegebenheiten sind im Entstehen begriffen und Technikfreundlich, weil die Automation zusehends die Führung im Leben übernimmt. Gefühle kann ein Automat nicht entwickeln, so sehr sich Wissenschaftlicher auch um die Nachbildung eines menschlichen Gehirns bemühen. Für ihn, den Automaten, gilt ein Menü, bestehend aus den Ziffern Null und eins. Dahinein wird der Mensch mit seinen Bedürfnissen gepresst und er ist noch stolz darauf, wenn ihm eine APP auf seinem Smartphone immer mehr Dienstleistungen und Entscheidungen abnimmt. Wozu bedarf es da noch lebendiger Gedanken.

15.August 2018

Der Weg, den wir mit meiner Therapiezelle einschlagen, zurück zur Natur, ruft, wie ich während meiner Stunden erfahren habe, bei vielen Teilnehmern Erinnerungen an „Früher“ wach. Die Sehnsucht nach Geborgenheit, spielt dabei eine große Rolle. Wenn die Landstriche entsiedelt werden, weil sich alles immer mehr auf die Städte konzentriert, geht immer öfters der Blick zurück, als am Morgen noch der Hahnschrei den Tag begrüßte oder man in seinem häuslichen Garten beim Frühstück dem Vogelgezwitscher lauschen konnte. Die Familien lebten bei sich und zusammen mit Jung und Alt, wo jeder seine Aufgabe hatte und die Alten noch die Alten und nicht die Pflegebedürftigen waren. Die fortschreitende Zivilisation hat dafür gesorgt, dass die Menschen im häufiger ein langes Leben erreichen, aber haben sie auch Freude dabei oder sehnen sie sich nach natürlicher Ruhe. Diese Empathie geht mit den Jahren und der Zeit, in der wir uns befinden, verloren. Zu sehr sind oder werden die Menschen von ihren eigenen Problemen um die Selbstversorgung vereinnahmt. Und die Konsumtionslüge tut ihr Übriges dazu, die Menschen zu verunsichern und pausenlos zu beschäftigen.

Kapitel 8 - Brigitte Niels - Tagebuch einer Alltagsgeschichte (Gedankenlesen)


09. August 2018

Brigitte lernt Victor kennen und lieben
Als mir Victor schwärmerisch von seiner Leidenschaft zu den Büchern berichtete, nahm ich das nur kleinlaut zur Kenntnis, denn Scham hatte mich erfasst, dass ich so unlustig mit den Büchern umging. Mich interessiert nur der Inhalt, während Victor in einem Buch, wie er mir begeistert versicherte, ein Gesamtkunstwerk sah, bei dem Inhalt und Form, Ausdruck und Eindruck ein Gefühl für die Bücher vereinten, dem Ehrfurcht und Sympathie gleichermaßen anhafteten. Wenn Victor über Bücher sprach, dann bekamen seine Augen einen Glanz und seine Worte eine Geschmeidigkeit, wie sie nur einem Liebhaber eigen sind. Es mag albern klingen, aber als ich seine Begeisterung für die Bücher vernahm, fühlte ich, wie sich Eifersucht in meiner Seele bildete, dass mir die Bücher den Mann und seine mir zustehende Aufmerksamkeit nahmen und ich für einen Augenblick den Verstand darüber verlor.

Kapitel 7 - Caspar Osch - Die Wiege einer Literatur (Gedankenspeicher)

05. August 2018

Caspar findet Trost durch einen Artikel von Marion Wohlebe in dem es unter anderem heißt:
‚Es steht geschrieben, dass Konfuzius einmal mit dem alten Lao-Tse zusammengetroffen sei und mit ihm gesprochen habe. Danach war er zu seinen Jüngern zurückgekehrt und habe ihnen gesagt, die Gedanken des Lao-Tse seien so tief und seine Lehre so hoch, dass sie ihn mit Ehrfurcht und Schrecken erfüllten, er aber zu klein sei, um sie richtig zu verstehen. Diese Anekdote enthebt jeden Chinesen der Pflicht ihn zu verstehen, ihn aber gleichzeitig als den tiefsten Weisen zu ehren.‘

29.Juli 2018

Caspar verfasst in Adaption zu Oscar Wilds "Das Bildnis des Dorian Grey" eine Geschichte über Gedankenspeicher, zu dem auch das Gewissen gehört. Sein Motto lautet:
Plötzlich, eines Tages, steht dein Gewissen vor dir, stellt dich zur Rede und fragt, warum du dieses oder jenes getan und ob es einen Sinn für dein Leben ergeben hat.

Kapitel 5 - Der Bürger Saar (Gedankenfolgerichtigkeit)

23.Juli 2018

Zuvor erhielt er den angekündigten Report von Barbara Tiberius über ihre Wochenendsession. Neben den bereits bekannten Ausführungen über die Elemente aus dem I-Ging enthielt das kleine im DIN-A5 – Format gedruckte Heftchen zum Erstaunen von Hugo noch folgende neuen Gedanken über das Gemeinschaftsbewusstsein, zu dessen Darstellung sie, wie Barbara Tiberius schrieb, eine Textpassage aus dem Werk von Thomas Carlyle entlehnt habe.
‚Es ist ein hoher, feierlicher, fast schauerlicher Gedanke für jeden einzelnen Menschen, dass sein irdischer Einfluss, der einen Anfang gehabt hat, niemals, und wäre er der Allergeringste unter uns, durch alle Jahrhunderte hindurch ein Ende haben wird! Was geschehen ist, ist geschehen, hat sich schon mit dem grenzenlosen, ewig lebenden, ewig tätigem Universum verschmolzen und wirkt hier zum Guten oder zum Schlimmen öffentlich oder heimlich durch alle Zeiten hindurch.
Das Leben eines jeden Menschen ist aber der Quelle eines Stromes vergleichbar, dessen kleine Anfänge in der Tat allen klar sind, dessen ferneren Lauf und Bestimmung aber, wenn er sich durch die weiten Flächen unendlicher Jahre schlängelt, nur der Allwissende unterscheiden kann. Wird er sich mit benachbarten Flüssen, diese vergrößernd, mischen oder sie in sich aufnehmen? Wird er ein namenloser Bach bleiben und mit seinen seichten Wellen unter Millionen anderer Bäche und Flüsse die Fluten eines Weltflusses vermehren? Oder soll er Rhein oder eine Donau werden, deren Flut eine ewige Grenzlinie auf dem Erdball selbst ist, das Bollwerk und die Heerstraße ganzer Königreiche und Kontinente? Wir wissen es nicht; in allen diesen Fällen wissen wir bloß, dass sein Weg nach dem großen Ozean führt; seine Wasser, und wären sie nur eine Handvoll, sind da und können weder vernichtet noch auf Dauer zurückgehalten werden.‘


17. Juli 2018

Und so geschah es eines Tages, dass Hugo das Büro des Ortsvorstehers der Meinpartei betrat, um dort wegen seiner Mitgliedschaft vorzusprechen.

Kapitel 4 - Das Phänomen der fliegenden Gedanken

15. Juli 2018

Der Abschluss des 4. Kapitels erläutert die spannende Frage, wie das Gedankenlesen zwischen Mann und Frau seine Fäden spinnt.
„Wissen sie“ sagte Caspar, „was mich über Frauen einmal zu wissen drängt, auf welche Weise kommen ihnen die Begehrlichkeiten von uns Männern zu Bewusstsein. Sind es auch die fliegenden Gedanken, die ihnen unseren Willen zutragen oder was empfinden sie, wenn mein Blick ihre Beine streift?“
Barbara schenkte Caspar ein verständnisvolles Lächeln ehe sie ...

12. Juli 2018
Der Teil 1 steht kurz vor seinem Abschluss und den Teilnehmern wurde von Lion das Außerordentliche der Schule der Gedanken preisgegeben. Es wurden daraufhin Parallelen in der Geschichte gefunden, wie sie von einen Standpunkt betrachtet werden, der ein gänzlich neues Licht auf den Untergang der Kulturen im alten Ägypten oder der der Maya wirft.
"...Die Kulturen im alten Ägypten oder vielleicht auch jene der Mayas in Mexico sind möglicher Weise auch aus eben diesem Grund dem Untergang anheimgefallen.“
„Das ist aber eine gewagte Vermutung“ ließ sich als Erster Caspar vernehmen, „Denn die wissenschaftliche Forschung hat etwas anderes ergeben. In Ägypten sollen entweder Machtkämpfe nach dem Tod eines Pharaos den Untergang bewirkt haben, während andere Quellen von einer verheerenden Hungersnot durch das Austrocknen des Nils berichten. Auch bei den Mayas werden feindliche Invasionen als Grund für den Untergang des Reiches angeführt und ebenso wie in Ägypten ein über Jahrzehnte anhaltender Klimawechsel in Erwägung gezogen.“

22. Juni 2018

Lion gibt seinen Gästen etwas preis:
„Auch Einstein hat“ erklärte Lion, „als er auf dem Weg zur Entdeckung der Relativitätstheorie war, mit der rigorosen Verneinung der Annahme von Lorentz, als er einen Äther zur Erklärung physikalischer Gesetzmäßigkeiten schuf, einen neuen Weg des Denkens beschritten. Ziel unserer Schule der Gedanken soll es sein, einen ähnlichen Umschwung bei der Betrachtungsweise unserer Umwelt zu erreichen. Die alteingefahrenen Gedankengänge um Reichtum, Besitz und Gier sind zur Erhaltung der menschlichen Gesellschaft nicht mehr förderlich. Es braucht eine neue Herangehensweise an den Fortschritt, will die Evolution von Nutzen für die Menschheit sein.“

Kapitel 3 - Session

21.Juni 2018

Vom Ende des dritten Kapitels, das noch eine neue Überschrift erhalten hat

Denn Gedanken können Gefühle transportieren und Handlungen sensibilisieren. Ich will ihnen dazu ein Beispiel geben. Stellen sie sich zwei Personen vor, die jeder eine drei Meter lange Glasstange durch eine Tür und ein enges Treppenhaus tragen. Die geringste Unvorsichtigkeit durch Anstoßen an der Türlaibung oder den Wänden würde den Stab zerbrechen. ...

15.Juni 2018

In Anlehnung einer heutige Leserzuschrift an die Sächsische Zeitung zu Peter Schreier:
Ein Auszug aus dem aktuellen Projekt - Kapitel 3

„Dem würde ich nicht vollumfänglich zustimmen“ widersprach Caspar, „denn obgleich wegen der Kontakte vieles dafürspricht, sind Kontakte allein nicht ausschlaggebend für das geistige Niveau eines Menschen. Nehmen wir nur einmal einen Eremiten an, der jahrelang allein in den Bergen lebt, wie man es zum Beispiel dem Buddha oder dem Christophorus nachgesagt hat, die in ihrer Einsamkeit dem Nachdenken gefrönt und allein daraus tiefgründigere Gedanken hinterlassen haben, als es sich aus den vor ihnen erwähnten Möglichkeiten nachweisen lässt. Liegt da nicht der Verdacht nahe, dass das Gewicht unserer Gedanken aus einem geistigen Vermögen stammt, das sich Nachdenken heißt. Grundbedingungen dafür sind die Konzentration und das Wissen um Zusammenhänge, was nicht damit erlangt werden kann, wenn man sich den lieben langen Tag nur der Unterhaltung widmet. Ich meine damit Unterhaltung im Sinne von Kontakten, Unternehmungen oder sonstigen der Ablenkung dienenden Beschäftigungen. Solcherart sind sie im Zeitgeist immer häufiger anzutreffen und wir brauchen uns nicht zu wundern, dass ein Genie, wie Einstein zum Beispiel eines gewesen ist, immer seltener anzutreffen ist oder die Literatur keinen Thomas Mann, Balzac oder Charles Dickens mehr hervorbringt.

09. Juni 2018

"… bevor ich zum Beispiel auch nur einen Hebel an meinem Kran in Bewegung setze, habe ich darüber nachgedacht, in welche Richtung und zu welchem Zweck ich den Hebel betätige. Tue ich das nicht, besteht die Gefahr, dass der schwere Haken das Werkstück oder gar einen Menschen beschädigt. Also immer erst nachdenken, das heißt, Gedanken für einen Zweck aufbringen, ehe ich ihn zur Tat werden lasse.“
„Dagegen ist nichts einzuwenden“ sagte Lion ruhig und gelassen, „sie sind ein verantwortungsvoller Mensch und nicht von der Idee besessen, dass sich eine Handlung schon irgendwie fügen wird. Und mit Fügen meine ich eine gewisse Gedankenlosigkeit, wie sie sich neuzeitlich unter den Menschen ausbreitet. Aber das ist trotz allem nur die halbe Wahrheit zu meinem Anliegen einer Schule der Gedanken, denn ich will mit ihnen erreichen, dass wir erkennen, wie einflussreich unserer Gedanken auf unsere Umwelt sind. Was wir da unter unserer Schädeldecke tragen ist ein sehr lebendiges Ding, dass unglaublich aufnahmefähig ist und Gutes wie auch Schlimmes bewirken kann. Man sollte sehr sorgsam damit umgehen.“


01. Juni 2018

...welchen Einfluss wohl das Lesen auf die Gedanken der Menschen ausübt und wir bei unseren Gesprächen darauf zu sprechen kommen sollten.“
„Mit den Büchern und dem Lesen verhält es sich wie mit unserer Ernährung“ ließ sich Caspar vernehmen, „denn was und wie wir Essen hat zum Beispiel maßgeblichen Einfluss auf unsere körperliche Konstitution. Unsere Gesundheit speist sich daraus, während der Umgang mit den Büchern unser geistiges Vermögen bestimmt. Sich nur der Unterhaltung zu widmen bildet, wie bei einem Knochenbruch und seiner nachfolgenden Ruhigstellung der betroffenen Gliedmaße, die Muskelkräfte zurück, was im übertragenen Sinne auf unsere mentalen Fähigkeiten zutrifft. Wir sind dann nicht mehr in der Lage weitreichende Entscheidung abzuschätzen und verdingen dafür lieber das Abwarten oder die Delegation. Und um es gleich auf den Punkt zu bringen, die Menschen unserer Zeit delegieren bereits die auftauchenden Probleme um unsere gesellschaftliche Entwicklung auf nachfolgenden Generationen und sie warten zugleich nach dem Motto, es wird schon nicht so schlimm werden, lieber ab, statt notwendige Entscheidungen zur Rettung unserer Welt in der Gegenwart zu treffen.“

28. Mai 18

Der Boden. Nichts ist ständiger vorhanden als Haftung für und auf unserem Erdenrund. Eines kommt ihm dabei gleich und begleitet den Menschen ein Leben lang, das sind seine Gedanken, mit denen er seine Weltenordnung bildet.


Kapitel 2 - Der Lilienstein

23.Mai 18

Marion W. liest vor...‚Beide hatten wir gut getrocknete Gedankenschindeln, an denen wir herumschnitzelten; wir erprobten so unsere Messer und bewunderten gleichzeitig die schöne gelbe Maserung der Kürbiskiefer. So behutsam gingen wir vor, dass wir die Gedankenfische nicht verscheuchten; prachtvoll kamen und gingen sie, wie die Wolken, die am Abendhimmel schweben, und die perlmutterfarben schimmernden Schäfchen, die sich dort bilden und wieder auflösen. So überarbeiteten wir die Mythologie, rundeten da und dort eine Fabel ab und bauten Luftschlösser, für die auf der Erde kein Platz war.‘...

18.05.18

Brigitte N. war indes wenig überrascht, dass sie als erste die Runde verlassen durfte, im Gegenteil, es war ihr ganz lieb, sich nicht um anderer Aufgaben scheren zu müssen. Dann vernahm sie, was sie tun sollte:
„In der Einleitung zu Schule der Gedanken ging es um die Vorstellung, Kraft derer ein Ereignis zu einem gewünschten Augenblick geführt werden könnte. Suchen sie nach einer jenen, mit deren Hilfe sie ein derartiges Ziel zu erreichen gedenken. Das wird in ihrem Fall möglicher Weise der Einfluss auf eine Person sein. Will sagen, verbiegen sie etwas, dass ihnen im Grunde genommen unmöglich erscheint.“

16.05.18

Mancher möge sich fragen, was will der Autor mit dieser Geschichte über eine Schule der Gedanken:

Ein Buch für keinen und jeden.

Noch wird der Plot nicht verraten, nur soviel, manchmal muss man seinen Standort verändern, soll Herkömmliches gegen Neues vertauscht werden.



08. Mai. 2018

Die Auserwählten treffen sich unterhalb des Lilienstein zu ihrer ersten Session.

Marion W. trifft auf Lion:
„Wie ich höre Frau Wohlebe wird es eine spannende Zeit, die uns in den nächsten Stunden bevorsteht. Die Bemerkung von Schopenhauer stammt aus dem Kapitel über das Selbstdenken, wie ich mich erinnere. Und er behauptet darin, dass das viele Lesen dem Geiste die Elastizität, wie sie ein fortlaufendes drückendes Gewicht einer Springfeder nimmt. Und weiter, um keine eigenen Gedanken haben zu müssen, wäre das Lesen das sicherste Mittel, in jeder freien Minute ein Buch zur Hand zu nehmen. Das ließe sich, wenn ich das so sagen darf, auf viele Handlungen der heutigen Menschen erweitern.“

Bei Schopenhauer gefunden:
Der ganze Jammer der heutigen Literatur in und außerhalb von Deutschland hat zur Wurzel das Geldverdienen durch Bücherschreiben. Jeder, der Geld braucht, setzt sich hin und schreibt ein Buch, und das Publikum ist so dumm, es zu kaufen. (Aus Paralipomena, Über Schriftstellerei und Stil)

Montag, 30. April 2018

Gedanken - 7


Zur Facebook-Abmeldung

Wir führen ein so nichtswürdiges
Leben, weil wir die Dinge nicht
durchschauen. Wir nehmen den Schein
für das Sein.
Henry D. Thoreau


Das wirkliche Leben hat mich wieder und ist zurück in die Unabhängigkeit aus der Gier der Sozial Medien, die nur Versprechen gegen Enttäuschungen bereithalten und einem unbekannten Götzen dienen.

Mittwoch, 21. März 2018

Werkstattnotizen - 29

07.05.18
Kapitel 1 zu Lion ... - Die Gedanken sammeln sich - ist beendet. 8.860 Wörter -




05. Mai 2018
Teil 4 – Das Phänomen der fliegenden Gedanken

Es gibt etwas Seltsames in der Beziehung zwischen zwei, nicht unbedingt vertrauten, Menschen, wenn sich plötzlich eine Situation einstellt, in der jeder meint, der andere habe ihm das Wort aus dem Munde genommen. Dann vermeint die betreffende Person, man habe ihr die Gedanken gestohlen, die so punktgenau einen Vorgang, eine Meinung oder Beobachtung beschreiben, wie man sie augenblicklich selbst soeben gedacht hatte....



30.04.18
Teil 3 - Der Erfahrungsspeicher

Das menschliche Gehirn ist ein riesiger Erfahrungsspeicher, vergleichbar den digitalen Medien, die der Mensch mit seinem Wissensdrang künstlich erschaffen hat. Denn alles Tun ist ein Abbild des Gehirns, dass nur zulässt, was ihm guttut. Der Mensch weiß nur noch nicht, was Lebendiges er da unter seiner Schädeldecke mit sich herumträgt. Und wenn sich bisweilen seltsame und unerklärliche Dinge im Alltag des Menschen ereignen, sind dies unwillkürliche Handhabungen eines Geistes, der seine kombinatorischen Fähigkeiten kurz hat aufblitzen lassen. Mit anderen Worten, er wollte Schlimmeres verhindern. Man kann auch Gedankenkern dazu sagen, der in jedem Menschen vorhanden ist und der alles lenkt und leitet und nach dem sich sowohl der Charakter als auch alle Ziele im Leben richten.


12. April

Lebenslauf des Caspar H.
„Wie beginnt man eine Beschreibung seines Lebensweges, wenn der Anfang des Pfades im Dunkel des Bewusstseins liegt. Aus den Fotos und Erzählungen der Angehörigen lassen sich keine wirklich wichtigen Fakten herstellen, die unsere Gedanken und den Charakter prägten. Obgleich es für das Verstehen unseres Lebens von Belang wäre, was mit uns in den ersten Lebensjahren geschah, gibt es dafür keine sicheren Beweise. Und so setzen unsere Erinnerungen meist erst dann ein, nachdem unsere Seele schon ihre Formen aber auch Verformungen erfahren hatte. Gelegentlich lassen sich vielleicht aus den Erinnerungen unserer Eltern und deren charakterlichen Veranlagungen manches erraten, das zu der Persönlichkeit führte, mit der herumzuschlagen uns dann ein Leben lang vergönnt ist....Zwar schrieb schon Somerset Maugham, dass man mit Literatur keinen Leser zu erziehen vermochte, weil er im Grunde genommen von ihr nur unterhalten sein will, doch das war mir zu wenig für meine Fähigkeit, den Menschen, mit wohlüberlegten Texten, einen Spiegel vorzuhalten. Aber man wünschte keine Späne im Getriebe des Umsatzes.


08. April

Teil 2: Über geheimnisvolle Gedankenströme

Wie der Flügelschlag eines Vogels wallen die Gedanken eines Menschen hinter seiner Stirn. Von äußeren Reizen, wie Bildern oder Eindrücken und Informationen inspiriert, erhalten sie Anregungen, sich zu orientieren. Und da entstehen mitunter Situationen, bei denen man meint, sie seien zielbestimmt auf eine Beschäftigung gerichtet, die in ihrem Tun zwangsläufig nur so hätte von statten gehen können. Denn als ginge ihr eine bewusste Überlegung voraus, vereinen sich in solchen Augenblicken Sinn und Zweck zu einem Ergebnis, dass wie von einer Festlegung berufen sich planmäßig einstellt. Doch stattdessen zeigt sich Überraschung. Wie konnten wir so plötzlich wissen, dass genau jene Umstände notwendig waren, ein Ergebnis zu zeitigen, dem Zufriedenheit und Sicherheit anhaften. Geneigt, einer göttlichen Vorsehung Anerkennung zu schenken, besteht in solchen geheimnisvollen Momenten die Gefahr, dass man eine Vorstellung mit der Wahrheit vertauscht und einem gottgleichen Erschaffer allen Lebens seinen Glauben schenkt. Mag vielleicht vor Unzeiten, als die Menschen noch nicht so kenntnisreich um ihre Natur und Umwelt waren, aus solchen unheimlichen Momenten die Religion erstanden sein, der zum Nachdenken fähige Zeitgenosse sollte darin eine Aufgabe erkennen, sich seinen Gedanken mit unverhohlener Fantasie zu stellen.


07. April 2018

Aus dem Lebenslauf der Marion W.
...Lion suchte über das Internet alle möglichen Informationen über die Unbekannte zu erfahren.
Die Datenflüsse der Neuzeit gaben dazu reichlich Nahrung her, denn was ein Nutzer den elektronischen Medien einmal anvertraut hatte, lag dort für immer und ewig in einem Speicher, den abzurufen nur ein wenig Geschick und Ausdauer bedurfte, bis man sich ein Bild von scheinbar jeder beliebigen Person machen konnte.

02. April 2018
Schule der Gedanken

Teil 1 - Einführung
Als einen Gedanken betrachten wir einen Einfall oder eine Idee, ein Konstrukt eben, das im Prozess des Denkens entsteht. Interessant für meine Betrachtungen sei der Umstand, was dieser Prozess für unser Tun und Handeln bewirkt.
Zwar ist die Literatur voll von Beispielen, die ich zur Untersuchung heranziehen könnte, ich will hier aber einen besonderen Versuch wagen, der nahe am okkulten gelegen ist, wenig Beweisbares beinhaltet und zu jenen Dingen des Lebens gehört, denen atmosphärische Illusionen anhaften. Ich bemühe mich zwar hier des Begriffes der Übersinnlichkeit, meine allerdings etwas anderes zu beschreiben, bei dem kein Gespräch zu einer verborgenen Welt gesucht wird, sondern eine bestimmte Handlung vermittels von Gedanken gesteuert werden kann. Wer schon einmal den Versuch unternommen hat, das Verhalten eines Menschen durch Manipulation, d.h. gezielte Einflussnahme durch Vorbilder oder Versprechungen, zu bewirken, weiß in einem ersten Ansatz worauf ich hinauswill. Im Gegensatz dazu soll allerdings die Einflussnahme nicht durch ein verbales Geschick erreicht, sondern mit stummer Vorstellungskraft eine Handlungsfolge zu einem bestimmten Ergebnis herbeiführt werden. Pauschal ausgedrückt soll untersucht werden, auf welche Weise Gedanken dazu beitragen können, dass ein Ereignis zu einem gewünschten Augenblick führt.
Es ist hier nicht der Platz für einen philosophischen Exkurs und wir wollen zudem einem Allgemeinverstand mit diesem Artikel Rechnung tragen, weshalb Wert auf eine populäre Ausführung gelegt sei, dass in Folge seiner Veröffentlichung ein Diskurs unter meinen Lesern möglich werden kann. Zweifelsohne werden nicht alle Leser die Schule der Gedanken verstehen. Und wie es unterschiedliche Charaktere unter dem Geschlecht der Menschen gibt, die den Ansichten und dem Tun andersgeartete Verhaltensweisen entgegenbringen, so kann eine Schule der Gedanken nicht auf einen jeden Menschen maßgeschneidert werden. Es muss zu ihrer Fähigkeit eine Seele gehören, die zu den Unwahrscheinlichkeiten des Lebens bereit und nicht schon durch die strikte Logik alles Beweisbaren verfestigt ist.
Wir ahnen, dass, wie es dem Magnetismus eigen ist, unsichtbare Kräfte in der Natur vorhanden und physikalisch nachweisbar sind, doch darüber hinaus hält sie möglicher Weise noch einen Einfluss bereit, für dessen Wirksamwerden geheimnisvolle Kräfte erforderlich sind. Eine Mutmaßung als Zusammenspiel zwischen einem Medium und dem Menschen ist gemeint, der bestimmte empirische Voraussetzungen und Empathie eigen sind.
Fortsetzung folgt: Über Geheimnisvolle Gedankenströme


26.03.2018
Von der Demut des Dienens

Es soll hier nicht von der inneren Einstellung eines Menschen gegenüber irgendeinem Herren, Gott oder Schöpfer die Rede sein, sondern jener Haltung von Mensch zu Mensch das Wort verleihen, die als Brücke des Verständnisses über charakterliche Eigenarten zu schlagen ein Verhalten unterstützen sollte. Wie die Überschrift schon andeutet, geht es nicht um eine Anbetung, sondern sucht ein Tun zu beschreiben, dem positive wie auch negative Eigenschaften anhaften können und dem gelegentlich ein Sinnbild der Unterwürfigkeit vor dem geistigen Auge aufsteigt. Dem gegenüber steht eine andere Art des Verhaltens, die sich umkehrt und vom Wort her erhöht, der Hochmut. Anders als deren kleine Schwester, die Demut, hat er wenig mit dem Dienen gemein und fühlt sich auf eine Weise erhaben, die Ursache für manche, vielleicht sogar viele Probleme zwischen den Menschen ist. Aus ihr, der Hochmut, ragt ein Stachel, dem des Skorpions gleich, der einen Menschen vergiften und unter Umständen töten kann. Im Glauben, der Allwissende, alles Könnende zu sein, wird Ehrfurcht vor den natürlichen Dingen des Lebens von ihm mit Füßen getreten. Obgleich damit wenig geeignet, Vertrauen unter einen gesellschaftlichen Gemeinsinn zu säen, bestimmt Hochmut schon lange den Geist der Menschen und negiert alle Folgen, die sich aus seinem Tun gegenüber schwindenden Ressourcen ergeben. Doch kehren wir zum Grund und Boden zurück, dorthin, wo die Demut ihren Ursprung hat.
Der Philosoph Kant sagt über die Demut: Sie „ist so indirekt Indikator für die eigentliche Würde des Menschen als eines freiheitlichen Vernunftwesens.“ Als ein solches sich verstehen und begreifen ist angeraten, wenn der Mensch sich um die übermächtige Natur bemüht, weil sie ihm das Leben mit all ihren Schön- und Prächtigkeiten erlaubt.


„…magische Zuflucht, in die ich, so oft
ich geistig dazu bereit war, für Stunden
eingehen konnte, und wohin kein Ton
aus der aktuellen Welt drang.“
Hermann Hesse an Martin Hesse, 03.12.1943



21.03.2018
Das neue Projekt steht unter dem Motto, dass ich bereits in einem unveröffentlichtem Artikel als Schlusssatz gewählt hatte:
... dass sich der Mensch in erster Linie selbst verändern muss, bevor er seine Lebensbedingungen umgestalten kann.
Das Projekt enthält auch eine "Schule der Gedanken" und Gruppengespräche über das Zeitgeschehen. Ich weiß, dass ich damit vermutlich wieder wenig auf Gegenliebe stoßen werde, aber ich kann mich dem Geplauder der heutigen Literatur einfach nicht mehr anschließen. Unsere Lage auf diesem Erdenrund ist ernst, wann endlich beginnt die große Politik das zu verstehen. Für mich dient dieses Projekt der Selbstverständigung, mehr wird es nicht bieten können.

Das größte Glück auf Erden ist geliebt zu werden, schreibt Victor Hugo und ich ergänze, dass Glück zu bereiten, die eigentliche Bestimmung des Menschen sein sollte. Die Demut des Dienens.

22.03.18
Gilt auch für mich:
Je weniger man endgültig, je mehr man nur vorläufig, der Erinnerung und des Nachdenkens halber schreibt, desto mehr wird die Formulierung der verbindlichen Geschichte und der endgültigen Sätze zum Inbegriff des Glücks. (Aus Marbacher Magazin - Hermann Hesse Diesseits des Glasperlenspiels).

Donnerstag, 15. März 2018

Gedanken - 6

Ein Beitrag zu unserer Zeit.
Der Mensch hat seinen Aufenthalt auf der Erde schon lange verwirkt. Selenruhig wirft er ein Scheit nach dem anderen ins Feuer, darauf vertrauend, dass nichts Schlimmes dabei passieren und, dass sich schon irgendwer um den Brand kümmern wird.
Angetrieben von einer Lobby, die z. B. aus der Auto,- Banken- und Pharmaindustrie besteht, um nur die mächtigsten Verursacher dieses Feuers zu nennen, wird die Glut ständig am Leben und Auflodern gehalten, den Menschen damit einen Wohlstand und eine Sicherheit vorgaukelnd, die die Augen trübt, um die wahren Folgen zu erkennen.
Menschen, die mit Worten, Beiträgen oder Büchern darauf hinweisen, dass die Menschheit dabei ist, sich abzuschaffen, werden einfach ignoriert oder mundtot gemacht. Mit welchen Mitteln das geschieht, hat der Fernsehfilm, Gefangen – Der Fall K. mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle, eindrücklich geschildert. Sein Recht und seine Gedanken werden durch eine Lobby von Rechtsanwälten, Ärzten und Finanzberatern dem Wahnsinn anheimgestellt, so dass sich Basti, wie der Filmheld heißt, bald in einer geschlossen Anstalt wiederfindet, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Das ist nur ein Beispiel zügelloser Machenschaften, mit denen versucht wird, eine bestehende Gesellschaft mit allen Mitteln am Leben zu erhalten.
Gerade ist die Buchmesse in Leipzig eröffnet, wo es wieder eine Schwemme an Büchern zu besichtigen gibt, die mit Ihren Inhalten ein Abbild unserer Gesellschaft wiederspiegeln. Ein Überfluss, der zu 99 % von den eigentlichen Problemen auf dieser Welt abzulenken hilft. Das eine Prozent, dass Bücher von Autoren betrifft, die über den Tellerrand hinwegzusehen in der Lage sind, ist mit Sicherheit auch dabei, doch wer wird sie finden. Und wenn, dann ertönen ihre Stimmen unerhört im Wust der Besucher, die an Belanglosigkeiten vorbeischlendern und nicht merken, dass man ihnen zwar nicht ihren Glauben nehmen will, sie aber glauben macht, was sie glauben sollen.
Sie werden vermutlich diesen Beitrag, wie meine vorigen bereits auch, wieder nicht veröffentlichen, doch Sie sollen wissen, dass es Menschen und Autoren gibt, die sich Gedanken um unsere gemeinsame Zukunft machen und Ansätze dazu bieten, dass sich in erster Linie der Mensch selbst verändern muss, ehe er seine Lebensbedingungen umgestalten kann.
Pirna, am 16.03.18 Harald Kugler

Samstag, 3. März 2018

Gedanken - 5

Meinung zur Zeit

Immer wieder erscheinen Bücher, in denen unsere Zeit analysiert wird. Aber es ist längst kein Geheimnis mehr, dass das ständig angestrebte Wachstum, eine Grundbedingung der Marktwirtschaft, den Untergang der Menschheit bewirkt. Immer mehr Arten sterben dafür aus, weil der Mensch den Lebensraum auf der Erde für sich und seine Bequemlichkeiten beansprucht.
Die Zeit ist reif und längst überfällig, dem Menschen ans Herz zu greifen, dass er endlich versteht, was die Natur tagtäglich auf diesem Erdenrund zu erleiden hat. Nur wenn etwas schmerzhaft das Wesen der Menschen angreift, beginnt er wirkungsvoll darüber nachzudenken. Aber das ist wohl das Schwierigste mit der menschlichen Natur, sie erziehen zu wollen. In diesem Wort steckt das Verb „ziehen“, und das ist auf die persönliche Freiheit des Einzelnen bezogen das Problem an der Sache. Die Menschen haben sich dank der gesellschaftlichen Möglichkeiten zu selbstbewussten Individuen entwickelt, die sich ungern vorschreiben lassen, was sie zu tun und was sie in ihrem Lebensinhalt zu verändern haben. Aber wenn der bisherigen Wachstums-Entwicklung Einhalt geboten werden soll, muss gerade an der Psyche der Menschen eingehakt werden, dass sie sich in ihren Gewohnheiten auf „weniger ist mehr“ umstellen. Nur festzustellen, dass Wachstum den Untergang bedeutet reicht nicht aus, denn es interessiert im Grunde genommen keinen, weil die Auswirkungen des heutigen Tuns in der Zukunft liegen, einer Zeit, die wir alle, bis auf unsere Enkel vielleicht, nicht mehr erleben werden.
Schreibt man hingegen ein Buch über die Machenschaften der Marktwirtschaft (s. Projekt anbei) und versucht Lösungsansätze zur mentalen Veränderung der Menschen aufzuzeigen, interessiert das keinen Verlag und man muss auf einen Druckverlag zu eigenen Kosten ausweichen, dass wenigstens ein paar Leser erreicht werden. Der Hauptgrund dafür ist, dass auch bei den Verlagen die Gesetze der Marktwirtschaft greifen, es muss sich rechnen lassen, so dass mit kritischen Texten kaum ein Leser hinter dem warmen Ofen hervorgelockt werden kann. Und so drehen wir uns im Kreise eines Strudels, bis sich vielleicht irgendwann ein mutiger Verleger findet. Bis dahin beschäftigen wir uns mit der Regierungsbildung, den Fahrverboten für Dieselautos, Börsennotierungen und natürlich Neuerungen in der Mobilfunkbranche. Themen, die zeitgemäß sind und die von den notwendig mentalen Veränderungen ablenken aber zugleich zur Verfestigung des bestehenden Glaubens an die Marktwirtschaft beitragen.

Sonntag, 11. Februar 2018

Werkstattnotizen - 27

Ein streitbares Heft 19 in der Reihe der Einbogendrucke


Das Phänomen des Ostens – ein Essay

Um von Anbeginn dieses Textes richtigzustellen, welche geografische Region mit dem Titel gemeint ist, sei das folgende Zitat von Alexander Block angeführt:
„Für einen selbst wie auch für andere ist es von Interesse, sich zuweilen an die Geschichte der eigenen Werke zu erinnern. Umso mehr, als wir glücklichsten oder unglücklichsten Kinder unseres Jahrhunderts unser Leben überdeutlich eingeprägt in unserem Gedächtnis tragen. Unsere Jahre waren viel zu unauslöschlich gefärbt, leider, als dass wir sie vergessen könnten.“1
Als die Menschen dieser Region noch nicht vordergründig von einer marktwirtschaftlich geprägten Erwerbskultur geprägt waren, glomm in ihren Seelen noch eine Flamme, in deren Schein sich uneigennütziges Interesse an Kultur widerspiegelte. Die Buchläden zum Beispiel, überschaubar aufgestellt, ließen Neuerscheinungen schnell im eigens dafür hergerichteten Regal erkennen und machten nicht durch bildmächtige Aufmachungen von sich reden, sondern brachten ihren Plot auf eine gedankliche Frequenz, die hinter dem Spannungsbogen noch eine neue Erkenntnis für den Leser bereithielt. Buchhändler/-innen und Kunde waren sich meist über ihre Büchervorlieben vertraut und es kam einem familiären Verhältnis gleich, wenn eine gesuchte Neuerscheinung für den Stammkunden vorgehalten wurde. Vertrauen auf und gegen Vertrauen wurde ein Gemeinsinn im Handel gelebt, in dem nicht der Überfluss das Maß aller Dinge war, sondern der Mensch mit seinen Wünschen und seiner Anerkennung im Vordergrund stand. Gutmütig und geduldig, weil die Zeit in einem Maß verlief, dem Gefühl und Herz noch zu folgen vermochten, konnte man auch mehrere Wochen auf eine Buchlieferung warten. Umso erfreulicher und dankbarer war man dann für den Tag, an dem der lang ersehnte Band endlich in den Besitz gelangte. Eile hatte in dieser Zeit eine andere
1 Alexander Block aus „Vergeltung“


Maßeinheit, die sich die Bürger dieses Landes dann später leider aus den Händen nehmen ließen und sie gegen einen Algorithmus eintauschten, der ihrem Leben eine ungewollte Beschleunigung verhieß.
Nun nach Jahren zu ihrer Zufriedenheit befragt, einem marktwirtschaftlichen Instrument zur Datenermittlung mit optimierenden Hintergrund, macht sich Verwunderung breit, dass die so zutiefst herbeigesehnte große Freiheit nicht das Maß aller Dinge und Demokratiegestaltung von Politikern mit viel Eigennutz behaftet ist, Ängste und Gefährdungen aus der Zuwanderung Fremder in die Gedankenwelt der Bürger Einzug halten und die Zweiklassengesellschaft von mehr als der Hälfte der Bevölkerung im Lande gelebt werden muss. Die Kultur erhält bei solch einer Umfrage schon überhaupt keinen Stellenwert mehr.
Und noch einmal, als die Menschen dieser Region noch nicht vordergründig von einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Erwerbskultur geprägt waren, besaß Zufriedenheit eine andere Wertigkeit in der Bedeutung ihres Wortsinnes. Nahe gelegen an der Tugend Bescheidenheit und unterstützt von Zweckmäßigkeit, bildete sich dieses Lebensmerkmal zu einer Einstellung der Menschen, die sich aus Genügsamkeit, Bescheidenheit und ehrlichem Frohsinn speiste, dem Ängste fremd waren. Dass die damalige Demokratie keine war, kam einem Frevel gleich, der Betrug am Menschen zum System machte. Solcherart Politik kann auch im Nachhinein nicht gutgeheißen werden.
Der Titel, um den es mir mit diesem Essay zu tun ist, dem Phänomen des Ostens nachzuspüren, trägt sich aus diesen begonnenen Gedanken, dass den Bürgern der Neuen Bundesländer ein gelebter Gemeinsinn und eine Gutmütigkeit innewohnt, die die Marktwirtschaft von Anbeginn ihrer gesellschaftlichen Prägung auf dieses Zuzugsgebiet für ihre Zwecke der Gewinnoptimierung ausnutzte. Wie anders ist es zu erklären, dass nach 28 Jahren noch immer mit unterschiedlichem finanziellen Maß zwischen Ost und West bei
der Beschäftigungsentlohnung der Menschen gemessen wird. Wie kann bei solch einer Konstellation Zufriedenheit erwartet werden, wenn bei der Bewertung der Menschen bei gleicher Leistungsvollbringung schamlos auf deren Abhängigkeit spekuliert wird.
Aber kommen wir auf den Buchhandel zurück, denn er eignet sich wie kein zweites Beispiel für diese Geschichte. Viele kleine Buchläden und Antiquariate prägten damals vor 28 Jahren die Leselandschaft und ihre Inhaber verkauften mit Leib und Seele, was sie zuvor meist auch selbst gelesen hatten. Empfehlungen waren deshalb wie ein Bindeglied zwischen Leser und Verkäufer und nicht von einer Bestsellerliste vorgegeben, deren Zustandekommen unbekannter Herkunft und damit unpersönlich ist. In der Fülle und im Überfluss der Angebote, bestehend aus zahlreichen Ratgebern, Erfahrungsberichten, Schmökern über die Liebe oder Geschichten, Horror- bzw. mysteriöse Geschichten, Krimanalromanen ohne Zahl und Ende, um nur einen winzigen Teil der Buchlandschaft zu bezeichnen, wird jedes Signal unterdrückt, dass einem besonderen Buch innewohnt. Beim damaligen Buchhändler des Vertrauens fand sich die Suche nach einem Buch gut aufgehoben und es fehlten all die Randglossen von Bestseller, Prominenz, Kultautor oder Werbeauftritten, hinter oder unter denen sich ein Verkaufszweck organisiert. So wird Zufriedenheit demonstrativ gemacht, die in ihrem heutigen Wortsinn aus Verkaufszahlen besteht und nicht das reale Befinden der Menschen dieses Landes widerspiegelt. Was Wunder, wenn Zufriedenheit dann eine unerwünschte Vorsilbe erhält. Und setzt man die globale Betrachtungsweise an, kommt in dieser gegenwärtigen Umfrage ein Allgemeinbefinden der Befragten zum Ausdruck, das mehr verrät, als dem Zweck dienlich ist.
Treten wir nun zum Resümee an, bei dem Jammern, wie den ostdeutschen Bürgern vielmals unterstellt wird, ausdrücklich als Wort untersagt ist, denn es geht mir um das Phänomen der ostdeutschen Mentalität, die sich im Verlaufe weltumspannender Abgrenzung im besonderen Maße ausgebildet hat. Ohne eine
umfassenden Studie an dieser Stelle ihren berechtigten Raum einzuräumen, will ich nur das Allgemeine und nicht das Besondere anreißen und es als ein Phänomen herausstellen, das in seiner Ausprägung eine Stimmung erklärt.
Aufgewachsen in weitestgehend behüteten Verhältnissen, die frei von einem Kampf auf dem Arbeitsmarkt waren, hat sich bei diesen Menschen eine Einstellung manifestiert, die man trotz allem als märchenhaft und paradiesisch gefärbt bezeichnen kann. Mangel wurde durch Genügsamkeit, Gemeinschaft oder Organisationstalent ausgeglichen und das scheinbar Unabänderliche ihrer territorialen Eingrenzung als gegeben hingenommen. Wenn auch die Sehnsucht über die Ländergrenzen hinaus bei Vielen vorhanden war, so trug sie doch im Einzelnen einem Behütetsein Rechnung, wie sie Menschen eigen ist, die in einfachen Verhältnissen aufwachsen und in der Heimat fest verwurzelt sind. In all diesen, im letzten Absatz erwähnten, Tugenden kommen Grundfeste der menschlichen Seele zum Ausdruck, die dem Wohlbefinden ein Lager und den Menschen der heutigen Zeit ein Gefühl der Sehnsucht bereiten. So gesehen ist das Phänomen des Ostens ein unter einmaligen Bedingungen erworbenes Lebensgefühl, das möglicherweise Zukunft vorausnimmt.

Einbogendrucke, Heft 19, im Eigenverlag zu Pirna

Harald Kugler, Buchautor aus Pirna

Und hier der Auszug zu einer ersten Lesermeinung:


„Verstehen kann diese Zeilen nur, wer im Osten
lebte und dieses mit allen Stärken und Schwächen
verinnerlicht hat. Und auch von denen wird diese
Zeilen nur der akzeptieren, der nicht verdrängt, der
sein Bestreben, verstehen zu wollen nicht einer
sinnentleerten Hochglanzkunst, nicht dem
Irrationalen und der Verkehrung der menschlicher
Werte in ihr Gegenteil und einem Fetisch (Marx)
geopfert hat, kurz, wer seinen kulturellen
Anspruch nicht zugunsten der Angepasstheit und
des Bequemen aufgegeben hat.“
Abel Doering