Montag, 24. September 2018

Werkstattnotizen - 31




16.10.2018
Ergänzung zu einer Eintragung vom 14. Januar 1985
Der Proceß
Wir hätten alle den Roman „Der Proceß“ von Franz Kafka aufmerksamer lesen sollen, der dem Leser besagt, dass der Mensch für alles, was er in seinem Leben tut oder unterlassen hat, seine gerechte Strafe erfährt. Allerdings, wenn ich es bedenke, wie ich aus einer Statistik erfahre habe, dass 50 % der Menschen keine Romane lesen, wie sollen sie da erkennen können, wenn sie sich mit ihrem Verhalten schuldig machen und sich lustvoll an der Natur versündigen. Die Natur macht uns aber allen den Prozess und dieser wird in kürzerer Frist verlaufen, als es uns die Erdgeschichte erzählt. Die Saurier habe es ohne ihre Intelligenz auf Millionen Jahre ihres Bestehens gebracht, die Menschheit schafft ihren Untergang mit ihrer Intelligenz in weniger als 20.000 Jahre.
Seit 1978 führe ich regelmäßig Tagebuch und berichte darin auch gelegentlich über das Winterwetter. Seine aufmerksame Betrachtung erlaubt mir einen zur obigen Aussage treffenden Schluss, denn je mehr die Mobilität des Menschen mit seinen Kraftfahrzeugen, Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen zunimmt und mit ihren Abgasen die Luft verpestet, umso weniger Schneereich, kalt und feucht verlaufen die Jahre. Das ist zwar keine gesicherte Erkenntnis, aber der Verlauf der Jahreszeiten offenbart den Prozessbeginn.


27.09.2018

019 Dienstag – 20.07.1982
Ein schöpferischer Prozess ist mit viel Einsamkeit verbunden. Es gibt Stunden, in denen man wie es scheint, sinnlos vor sich hinstarrt, in denen nichts, aber auch nicht das Geringste geschieht, doch innerlich ist der ganze Körper bis zum Zerspringen angestrengt. Der ihm aufgesetzte Geist sucht verzweifelt nach Ideen, verwirft Formulierungen und streitet mit dem Behagen, dass sich mit dem bereits Erdachten zufriedengeben will. Das geschieht alles unter der Haut und niemand, auch nicht der nahestehende Mensch, erfährt von dieser Qual. Nachdenken scheint mir das höchste Glück auf Erden, grübeln, eine Idee verfeinern, schleifen jedes Wort, jede Formulierung, bis der harte Kern übrigbleibt, der meinen Anforderungen, und mögen sie auch auf Grund meiner geringen Schreiberfahrungen noch gering ausfallen, genügt. Letztlich bin ich es selbst, der damit zufrieden sein muss. Das Gefecht mit dem geschriebenen Wort, bei dem nicht immer der Stärkere gewinnt, ist eine Herausforderung für jeden, der sich dem ernsthaften Schreiben widmen will.


26.09.2018
Beinahe jeden Tag bin ich baff über meine damaligen Tagebucheintragungen. Gestern bin ich auf jene Zeit gestoßen, als ich mich mit dem Brief von Dieter Noll an Erich Honecker, zuerst veröffentlicht im Neuen Deutschland, beschäftigt hatte. Der Schriftsteller war mir persönlich bekannt und ich habe ihn mehrmals besucht. Über all das berichtet mein Tagebuch und noch über vieles mehr.


Über viele Jahre habe ich akribisch Tagebuch geführt und mein Befinden analysiert, über den Erwerb und das Lesen von Büchern geschrieben und dem Alltag Begebenheiten abgelauscht. Nun will ich den Versuch wagen, aus diesen Erinnerungen jenen Menschen herauszufinden, der ich damals war und aus dem sich mein Ich entwickelte, dass mir heute aus einem Spiegel, wenn auch mit mehr Falten behaftet, entgegenblickt.
Oft wird in diesen Zeilen von Literatur und literarischen Begegnungen die Rede sein, denn dieses Medium hat mich schon von Kindesbeinen an begleitet. Und ich entsinne mich, dass ich - ähnlich wie seinerzeit der Dichter Hermann Hesse seinen Eltern gegenüber geäußerte hat, ein Dichter werden zu wollen - einen ebensolchen Ausspruch in einer Eisdiele zu meiner Mutter gesagt habe. Literatur ist etwas Großes und Bedeutendes, die mit ihren Texten die Seele weitet, das Herz empfänglich und den Geist lebendig macht. Eine Dreifaltigkeit, die mehr bewirkt als jede Religion.