Dienstag, 14. Mai 2019

Die Blendung

Aus dem Blaubuch

Eine Buchempfehlung

Die Blendung
Dieses Buch von Elias Canetti schildert den Selbstbetrug eines Menschen, dem die Wirklichkeit unerträglich geworden ist. Professor Kien schaut weg, wo immer ihm der Alltag begegnet und vergräbt sich tagein tagaus hinter Büchern oder studiert vergilbte altertümliche Papiere. Dieses Verhalten symbolisiert gleichsam ein Ignorieren der Gegenwart und lässt ihr seinen Lauf und ihre Entwicklung, ohne sich mit ihr kritisch auseinanderzusetzen. Das Buch, 1934 erschienen, ist mit dieser Beschreibung eines Menschen, den das Zeitgeschehen gleichgültig sein lässt, von einer aktuellen Brisanz und erklärt sich mit seiner symbolträchtigen Figur des Professor Kien zu einem favorisierten Zeitgenossen. Menschen der Gegenwart handeln so, als ob es keine gesellschaftsrelevanten Probleme gibt, währenddessen die scheinbare Verselbständigung von Wissenschaft und Technik in einem rasantem Tempo fortschreiten und zusehends außer Kontrolle geraten. Immer mehr gestalten sie sich zu einem Selbstzweck und aus Wissen wird Macht, die kaum mehr zu bremsen, geschweige denn zu beherrschen ist. Angesiedelt in riesigen Konzernen ist ihre Macht vergleichbar königlichen Regentschaften, die sich alles zum Untertan machen und auch die Politik zu ihrem Kultdiener berufen. Eine humane Lenkung und Kontrolle von Wissenschaft und Technik gilt damit so gut wie ausgeschlossen, weil die Macht des Geldes alles in ihren Bann schlägt.
Der einfache Mensch, so wie auch im Buch von Canetti, Professor Kien, bekümmert sich derweil kaum darum, wie und woher sein Brot oder sein Fleisch stammen und wenn seine „Ordnungswelt“ nicht verrückt wird, dann gibt er sich damit zufrieden, dass alles so ist, wie es ist. Und die Welt nimmt ihren verheerenden Lauf.
Canetti resümiert in seinen „Aufzeichnungen“ über die Prägekraft poetischer Entdeckungen, dass die wirklichen Dichter ihren Figuren erst entdecken, nachdem sie geschaffen worden sind. Und fährt fort: „Was du entsetzt erfunden hast, stellt sich später als schlichte Wahrheit heraus.“ Womit diese dann endet haben die Ereignisse um den Faschismus schmerzvoll bescheinigt. Was steht nun unseren Kindern und Enkelkindern bevor, wenn sich die Macht der Konzerne nicht brechen lässt? Einen Krieg, wie ihn der Autor Lukas Rietzschel in seinem Buch vorschlägt, ist keine zündende Idee, wenn auch das Pulverfass, auf dem wir sitzen, so etwas erwarten ließe. Die Idee gestaltet sich viel einfacher und unrühmlicher, liegt ihre Heimstatt doch unter unser aller Schädeldecke. Und wir sollten einmal mehr nicht nur auf solche Autoren wie Elias Canetti, sondern auch auf den Wissenschaftler Albert Einstein hören, der postulierte, dass man ein Problem nicht mit den gleichen Denkansätzen lösen kann, unter deren Gedankenstrukturen sie entstanden sind.

Donnerstag, 4. April 2019

Offene Worte


Es deucht mir verständlich, dass meine Bücher nicht zur Veröffentlichung gelangen, denn Kritik am marktwirtschaftlich orientiertem Rechtsstaat findet nun mal keinen Beifall. So ist mein Buch "Darwin-Projekt oder das Boa-Manuskript" eine Art Manifest, dass dem Leser die Mechanismen der Marktwirtschaft in seinen fiesen und raffinierten Ausprägungen zu erklären versucht und dabei den spannenden Weg dreier junger Leute auf ihrem Weg zur Erkenntnis beschreibt.

Desweiterem habe ich in "Lion oder die Schule der Gedanken" den Versuch zu erklären und beschreiben unternommen, dass ein gesellschaftlich wirksames Umdenken nur durch eine Änderung der Herangehensweise an situierte und überkommene Denkweisen erreicht werden kann. Aber auch dieses Buch ist eine Fehlanzeige und kann sich nicht gegen marktwirtschaftliches Umsatzdenken behaupten. Die Schlange beißt sich nun mal nicht in den Schwanz. Aber vielleicht kommt Zeit und Rat aus einer unerwarteten Richtung. Habt Geduld mit mir.

Freitag, 22. Februar 2019

Zeitschriftenartikel National Geographic


Platz machen für Neues (Text Harald Welzer – National Geographic Heft 3 / 2019)

Sie machen es sich da etwas zu einfach Herr Welzer, mit Ihren Gedanken über das Aufräumen, sprich Althergebrachtes wie ein Auto, einfach aus der Welt zu schaffen. Hinter der Autoindustrie steht eine starke Lobby, die sich nicht so einfach mundtot machen lässt, weil ein immenses Finanzpolster ein ähnliches Machtinstrument darstellt, wie es einst große Armeen waren, die einem Herrschaftssystem den Rückhalt gaben. Und die Marktwirtschaft ist nicht einfach ein Keller oder Boden, auf und in denen bei einem Umzug aufgeräumt werden muss. Eine Gesellschaft und ihre Errungenschaften bestehen vor allem aus Menschen, die mit ihren Köpfen das schaffen, was unsere Gegenwart und Zukunft ausmacht. In diesem Körperteil muss eine Veränderung stattfinden, dass nicht Gier, Bequemlichkeit und Ehrgeiz zum Maß aller Dinge einschließlich ihres Wachstums fokussieren, sondern ein Gemeinnutzen die bisherigen Visionen von einer Beherrschung der Natur ersetzen. Erst wenn die Gedanken der Menschen diese Schule durchlaufen haben, werden sie bereit sein, sich von liebgewordenen Gegenständen wie das Auto zu trennen. Und dann hat auch ihr Vorschlag von einem perfekt choreografierten öffentlichen Verkehr eine Chance zu seiner Verwirklichung.
Harald Kugler, Pirna

Freitag, 25. Januar 2019

Brief eines Enkel an seinen Großvater im Pflegeheim


Brief eines Enkels an seinen Großvater im Pflegeheim, datiert auf den 29. Februar 2050

Mein lieber Großvater, als wir jetzt beim Packen unserer Umzugskisten waren, fielen mir einige verstaubte Zeitungen auf unserem Dachboden aus dem Jahre 2019 in die Hände, und ich versank darin aus purer Neugier ins Lesen der damaligen Artikel. Je länger ich darin blätterte und las, desto nachdenklicher gestalteten sich meine Gedanken und in meiner Seele ballten sich immer deutlicher und spürbarer Wut und Ärger zu einem Vorwurf zusammen, der nun aus vielen Warum-Fragen besteht, die ich dir gerne in diesem Brief stellen möchte.
Warum habt ihr damals die Warnungen von Klimaexperten nicht ernst genommen, die davon berichteten, dass es bereits zwei Minuten vor Zwölf sei, dem weiteren Leben auf unserem Erdball noch eine Chance einzuräumen. Und weiter, schon damals herrschten in Teilen der Welt katastrophale Hitzeperioden von um die 45 Grad Celsius und in Deiner Heimatstadt Dresden, war die Elbeschifffahrt wegen Niedrigwasser zum Erliegen gekommen. Jetzt liegen diese wundervollen Schaufelraddampfer schon seit einigen Jahren wegen der anhaltenden niedrigen Pegelstände auf dem Trockendock und ihre Betriebsamkeit ist uns eine alte Mär. Warum also habt Ihr es geduldet, dass, statt den öffentlichen Nah- und Fernverkehr kostengünstig zu entwickeln, immer mehr Fahrzeuge auf Euren Straßen zugelassen wurden. Auch die Kreuzfahrtflotte hatte, wie man liest, zu unsinnigen Reisen die Weltmeere durchpflügt und mit ihren immer größer werdenden Pötten mit ihrem Schmutz und den Abgasen die Umwelt auf den Meeren belastet, von den für die einheimische Bevölkerung belastenden Touristenströmen in den Anliegerstädten einmal ganz abgesehen. Denn konsumiert wurde von den Passagieren vor allem auf den Schiffen und der tägliche Wechsel in ein anderes Land brachte ohnehin nur flüchtige Kenntnisnahme landestypischer Sehenswürdigkeiten und Gewohnheiten für die Touristen mit sich. Wenn ich schon den Konsum anspreche, warum ist Euch eines Tages die Vernunft abhandengekommen, dass auch dem Wachstum Grenzen gesetzt sind, wenn es dazu Ressourcen bedurfte, die auf Zeit nicht unbegrenzt verfügbar waren. Wie ich gelesen haben, wurde schon von Deinen Zeitgenossen ein Mehrfaches dessen verbraucht, was nie wieder erhältlich sein wird. Warum also habt Ihr diesen scheinbar grenzenlosen Konsum mit Euren Bedürfnissen erwünscht, der letztendlich jene Logistik bedurfte, die ein Verkehrsnetz rund um den Erdball mit Schiffen Flugzeugen und Lastkraftwagen spannte. Warum also mussten Früchte aller Herrenländer auf Euren Tischen liegen, wenn er auf einen solchen energetischen Aufwand angewiesen war. Die Fahrzeugindustrie hat es Euch gedankt, denn sie wuchs Dank Eurer ständig wachsenden Bedürfnisse nach immer neuen Innovationen ins Unermessliche und erstarkte zu einer Lobby, die wie ein Krake in allen Bereichen der Wirtschaft ihre Fänge ausstreckte, dass eines Tages nichts mehr ohne Ihre Zustimmung geschehen konnte. Selbst die Politiker wurden zu ihrem Spielball und dafür mit hohen Einkünften und Pensionen versehen, dass ihre Entscheidungen niemals zum Nachteil von Wachstum und neuen Entwicklungen wurden. Wieder frage ich, warum habt Ihr Vertreter einer Demokratie gewählt, die Kraft ihrer Entscheidungsbefugnisse dazu in der Lage gewesen wären, einen Gemeinschaftssinn vor das Gewinnstreben zu setzen und statt Kapitalrendite zum alles entscheidenden Streben zu machen und stattseiner der Vernunft Tür und Tor zu ihrer Verbreitung aufzureißen. Und versagt haben die gleichen Volksvertreter als es darum ging, der zweiten großen Lobby, der Pharmaindustrie, in ihrem Gewinnstreben Einhalt zu gebieten. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass technischer Fortschritt nicht nur ein Segen für die Menschheit ist, sondern auch zum Leid geraten kann, wenn man Gewinnstreben vor eine vernünftige Lebenserhaltung setzt. Das Ergebnis erlebst Du am eigenen Leibe und in Deinem Umfeld, wo immer mehr Menschen auf Grund ihrer künstlich erzeugten Lebenserwartung auf Pflege angewiesen sind. Gesundheit ist schon vor vielen Jahren zu einem maßlosen Geschäft geworden, wo nicht allein nur die Lebenserhaltung, sondern Auslastung von Krankenbetten und Dotierungen das Maß aller Dinge geworden sind. Eine letzte Frage habe ich noch an Dich, mein lieber Großvater, der Du so viel Lebenserfahrung gesammelt hast, warum setzt der Mensch, der sonst so ängstlich um seine Sicherheit und Vorsorge bedacht ist, seine Lebensgrundlage, die Natur dieser wundervollen Erde, aufs Spiel, wenn ihm doch eine Intelligenz gegeben ist, kleinste Elementarteilchen sichtbar zu machen und dabei das Große und Ganze seiner Umwelt aus dem Auge zu verlieren. Wenn es dem Affen gegeben wäre, mit einem Werkzeug den Ast, auf dem er sitzt abzuschneiden, er würde es nicht tun.